Ich ist nicht Gehirn…

Constantin lebt seit März 2014 im Altersheim Limmat in Zürich in einem Zimmer von ca. 30m2. Das Zimmer ist geschmackvoll, aber sehr schlicht eingerichtet. Wir haben das zusammen geplant, allerdings wusste er damals noch recht genau, was er mitnehmen wollte. Er hatte sich auf den Umzug soweit sorgfältig vorbereitet und anhand eines Grundrisses sich im Voraus überlegt, wie das Zimmer zu möblieren sei. Wenn man es betritt, ist gleich rechts die Dusche und das WC, links hat es Wandschränke in der typischen Sozialkotzfarbe, die man überall in Heimen, Spitälern und Schulen findet, ein undefinierbares Ocker, von dem man nicht weiss, was es ist. Das Zimmer ist nicht sehr hell. Es hat zwar ein grosses Fenster, aber in der ersten Etage gibt es einfach weniger Licht. Bäume und die gegenüberliegenden Häuser beschatten die Fassade. Das Bett stellt das Heim zur Verfügung. Es steht an der rechten Wand gleich hinter dem Bad. Es lässt sich automatisch verstellen und es hat Rollen, damit man es leicht verschieben kann. Auf der Ausstiegsseite hat es Sensoren, damit ein Alarm ausgelöst werden kann, falls die Person im Bett aus diesem fällt, oder es verlässt. Auf dem Plexiglas-Nachtischchen steht ein Heimtelefon mit grossen Tasten. Ich besorgte Constantin eine hübsche, verstellbare Leuchte eines skandinavischen Designers. Am Kopfende des Bettes hängt ein grosses, abstraktes, quadratisches Ölgemälde mit vier unterschiedlich farbigen Quadraten von Philippe Viallat. Philippe war 39 Jahre lang Constantins Lebenspartner. Er starb völlig überraschend auf dem Weg zur Arbeit im Bus. Das war kurz vor Weihnachten 1998. Philippe war damals 57 Jahre alt, Constantin war 69. Der Altersunterschied ist mit 12 Jahren derselbe zwischen mir und meinem Lebenspartner Tom. Philippes Tod war der eigentliche Grund, weshalb ich anfangs 1999 Constantin kennenlernte. Ich hatte damals eben meine Galerie in Zürich eröffnet, nämlich an meinem 35. Geburtstag, am 26. November 1998 mit einer Ausstellung des kanadischen Malers Attila Richard Lukacs. Offenbar besuchte Philippe, den ich nie kennen lernte, die Vernissage, wie mir später Constantin erzählte. Kurz darauf starb er an einem Herzschlag. Constantin und Philippe sammelten Kunst, vor allem von Joseph Beuys, aber auch auch andere Sachen und Philippe malte. Kurz nach Weihnachten 1998 kontaktierten mich Röbi und Ernst. Ernst sitzt mit mir schon seit einer halben Ewigkeit im Vorstand des Vereins Schwulenarchiv Schweiz, dessen Gründungspräsident ich war. Röbi ist sein Lebenspartner. Sie kamen mit dem Anliegen zu mir, Constantins Kunstsammlung zu schätzen. 1999 gab es noch keinen gesetzlichen Schutz für schwule Paare. Philippes Familie, die sich für ihn und für die Beziehung, die er führte, nie interessiert haben soll, wie mir Constantin später erzählte, soll schon am zweiten Tag nach Philippes Tod aus der Romandie angereist sein und angefangen haben, die Wohnung auszuräumen. Die beiden Männer hatten zwar ihr Leben miteinander verbracht, aber immer auch zwei Wohnungen gehabt. Damals wohnten sie gleich übereinander in grosszügigen Verhältnissen im selben Haus am Stadtrand Zürichs, Constantins Maisonette-Wohnung nutzten sie gemeinsam, Philippe hatte gleich darunter seine eigenen Räume. Ende Januar 1999 fuhr ich also nach Affoltern hinaus, um diesen Mann kennen zu lernen und die Sammlung einzuschätzen, die er mit Philippe aufgebaut hatte. Dort nahm die Freundschaft zwischen Constantin und mir ihren Anfang.
Von den vielen Möbeln und Objekten, die damals die geräumige, aber verwinkelte Wohnung füllten, ist nicht mehr viel geblieben: ein Side-Board aus Stahlrohr, der wunderbare Eames-Lounge-Chair mit Ottomane, ein schlichtes Sofa, ein Bücherregal, ein Tischchen und eine 70er Jahre Ständerlampe. Über dem Bett hängt eine ziemlich belanglose Cy Twombley Zeichnung. Ich war überrascht, dass Constantin diese Zeichnung mitnehmen wollte. Auf dem Sideboard steht der Fernseher, daneben eine Fotografie von Philippe und eine Orchidee, die Constantin schon seit vielen Jahren hat und die immer wieder blüht, ein kleines botanisches Wunder. Hinter dem Stuhl und etwas versetzt zum Sofa hängt eine schlichte Lithographie von David Hockney. Sie zeigt zwei in einem Bett nebeneinander liegende Männer.
Wenn ich jetzt zu Hause auf dem Sofa sitze und schreibe, und mir dieses Zimmer, in dem Constantin jetzt lebt, vorstelle, dann ist das zunächst nichts besonderes. Ich erinnere mich an Wahrnehmungen. Eine Katze erinnert sich auch an Räume und Gegenstände, aber sie verfügt nicht über die Möglichkeit, diese Erinnerungen symbolisch zu übermitteln, so dass eine andere Katze sich von einem bestimmten Raum und darin befindlichen bestimmten Gegenständen eine Vorstellung machen kann, die wiederum weitere Vorstellungen erzeugen – und wenn das Katzen doch können, dann ist es ohne Belang für uns, denn wir verstehen es nicht. In den letzten Wochen beobachte ich, dass Constantin gewisse, kleinere Gegenstände an stets neuen Orten platziert, zum Beispiel einen Stapel mit Fotografien und drei Bilder, die wir nie aufgehängt haben.
Anfangs dieses Jahres habe ich ein Paket mit einem Buch darin von einem Freund zugeschickt erhalten, den ich sehr lange nicht gesehen habe. Heschmat und ich studierten zur gleichen Zeit an der Universität Zürich, er Soziologie, ich Philosophie. Nach dem Studium haben wir uns für einige Jahre aus den Augen verloren, selten wieder getroffen, aber immer waren wir uns intellektuell sehr nahe. Was heisst das? Es muss etwas wie eine nonverbale Kommunikation geben, die einen wissen lässt, dass jemand anders ähnliche Fragen stellt, ähnliche Gedanken entwickelt, selbst wenn Biografie und Muttersprache gänzlich unterschiedlich sind. Heschmat also schickte mir ohne jeden offensichtlichen Anlass das Buch „Ich ist nicht Gehirn – Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert“ von Markus Gabriel. Genau zu diesem Zeitpunkt, als ich dieses Buch von Heschmat erhielt, stellte ich mir die Frage, wie bei zerfallender Erinnerung und Sprache das „Ich“ auf eigenartige Weise bestehen kann. Mit dem Tierarzt unserer Katzen erörtere ich solche Fragen. Er hat mich übrigens darüber belehrt, dass auch Katzen an Alzheimer erkranken und das recht häufig, wenn sie alt werden. Obwohl Constantin immer häufiger keine vollständigen Sätze hat bilden können, war und ist er immer noch er und auch ich bin für ihn derselbe, den er seit 16 Jahren kennt. Ich habe also dieses Buch von Gabriel zu lesen begonnen, was zunächst etliche Erinnerungen an die Zeit auslöste, als ich mich intensiv mit der Begriffsgeschichte des Begriffs ‚Identität‘, der philosophischen Kognitionswissenschaft und der Philosophie des Geistes auseinandergesetzt hatte. Das ist lange her. Und deswegen möchte ich das rekonstruieren, so, wie ich in einer Gegenbewegung zum Vergessen, Constantins Leben zu rekonstruieren versuche, so weit das aufgrund der Geschichten, die er mir erzählte, möglich ist.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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