Woran ich mich erinnere…

Was heisst Erinnern? Wenn ich Notizen mache, Tagebuch schreibe oder ein Fotoalbum zusammenstelle, so sind das zunächst nur Daten. Lese ich später diese Notizen oder Tagebucheinträge, oder schaue die Fotos an, bilden sich ganze Felder von Bezügen, die zu beschreiben schwer sind. Am ehesten könnte man einen Erinnerungskontext wiederum als Bild beschreiben, aber das ist bloss eine schwache Metapher, denn dieses „Erinnerungsbild“ ist von gänzlich anderer Art, als ein tatsächliches, stoffliches Bild. Es enthält vielleicht auch Gerüche, eine bestimmte Stimmung, angehängte Gedanken, eine besondere Räumlichkeit, eine Zeitdimension und gewiss auch eine ganze Reihe unbewusster Elemente. Nun ist das alles aber nicht einfach eine Datensammlung einer zurückliegenden Erfahrung, sondern die Erinnerung ist jetzt, im Augenblick des Erinnerns. Dieser Augenblick verbindet sich zugleich mit der situativen Wahrnehmung. Selbst wenn wir entspannt mit geschlossenen Augen daliegen, nehmen wir womöglich weit mehr unmittelbar wahr, als uns bewusst ist. Aber alles das ist mit in der Erinnerung. Die Erinnerung als etwas in der Vergangenheit Liegendes und in die Gegenwart Kommendes zu bezeichnen, ist wahrscheinlich eine irreführende, aber vielleicht auch notwendige Charakterisierung. Die kohärente Verortung unserer Geschichte ermöglicht uns einen sozialen Raum und gelingende Kommunikation. Indem wir aus der Erinnerung Geschichten konstruieren, verschaffen wir uns eine Individualität und wir können diese Geschichten mitteilen. Nun stellt sich folgende Frage: wenn eine Maschine mit Informationen gefüttert wird und ein intelligenter Algorithmus diese Daten zu einer kohärenten Geschichte zusammensetzt, entsteht uns als Zuhörer der Geschichte zwar der Eindruck einer Individualität, aber dennoch hat die Maschine deswegen noch kein Bewusstsein. Die entscheidende Emergenz zwischen einer künstlichen Intelligenz und einer Erinnerung ist die Innerlichkeit, der Bezug zu mir selbst, dass ich es bin, der sich erinnert.
Darin liegt auch eine seltsame Paradoxie: so gerne wir unsere Erinnerungen teilen – es sind immer bloss unsere Erinnerungen und es gibt nichts Langweiligeres, als sich die Erinnerungen anderer anhören zu müssen. Wenn mir jemand eine Geschichte aus seinem Leben erzählt, wird es erst dann spannend, wenn ich mich in dieser Geschichte in irgendeiner Weise wieder finde, wenn ich Anteil daran habe, oder wenn die Geschichte so strukturiert ist, als wäre es meine eigene. Ich muss mich identifizieren können. Das heisst, dass mein Ich sich die (fremde) Geschichte aneignet und zu einer eigenen Geschichte macht.
Darum lesen wir ja Romane. Was bedeutet aber dieses Identifizieren? Wir können gewissermassen unser Ich woanders hinschicken und es dort etwas erleben lassen. Das nennt man dann Vorstellung.
Das sind nunmehr vorläufige und unstrukturierte Beobachtungen, die mich aber umtreiben, wenn immer ich Constantin besuche.
Vor knapp fünf Jahren habe ich angefangen, ihn bei meinen Besuchen, damals noch in seiner Wohnung im Limmat West, nicht gerade systematisch, aber doch bewusst nach seiner Geschichte auszuhorchen. Einiges war mir über die Jahre unserer Zusammenarbeit und Freundschaft natürlich fragmentarisch bereits bekannt. Er war ja auch Mitglied im Verein Schwulenarchiv Schweiz und dort hatten wir uns vorgenommen, mündliche Quellen zur Geschichte schwuler Männer in der Schweiz zu erschliessen. Auf diesem Hintergrund erzählte mir Constantin sein Leben und erläuterte mir einige seiner Fotografien und Dokumente und auch ausdrücklich mit der Erlaubnis, diese Geschichten aufzuschreiben und anderen zugänglich zu machen. Er deutete mir damals an, dass er für sich selbst einen weiteren Lebensverlauf befürchte, wie den seiner Mutter. Sie wurde sehr alt. Ich kannte Constantin bereits einige Zeit, als sie hochbetagt starb. Sie verbrachte die letzten Jahre in einem Altersheim und hatte auch Alzheimer. Constantin hatte kein unproblematisches Verhältnis zu seiner Mutter, die auf den Tag genau zehn Jahre nach Constantins Geburt einen zweiten Sohn zur Welt brachte: Alexander. Constantin wurde in Paris geboren. Sein Vater war Russe, stammte aber von Schweizern ab, die im 19. Jahrhundert auswanderten. Er kämpfte im ersten Weltkrieg. Als die Revolution ausbrach, schlug er sich auf die Seite der Weissen, also der Verteidiger des zaristischen Russland. Er geriet in Gefangenschaft und wurde auf die Krim deportiert. Dort gelang ihm die Flucht. Zu Fuss gelangte er über Rumänien und Bulgarien schliesslich bis nach Prag, wo er die ebenfalls aus Russland geflohene Mutter Constantins kennen lernte. Das Paar ging, wie viele russische Flüchtlinge, nach Paris.

Ich habe diesen Blog ja angekündigt mit dem Versprechen der Lektüre von John R. Seareles Buch: Geist. Searle ist ein amerikanischer Philosoph, der vor allem durch seine Theorie der Sprechakte, also im Bereich der Sprachphilosophie bekannt wurde. Er wurde 1932 geboren und ist damit ein Zeitgenosse von Constantin, der 1929 geboren wurde. Wie bin ich auf ihn gestossen? Ich erwähnte bereits das Buch von Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn, in welchem dieser jüngere deutsche Philosoph gegen die naturwissenschaftliche Konzeption von Bewusstsein anschreibt und vor allem die schlecht begründete Ontologie der Gehirnforschung entlarvt. Das tut er mit dem Rückgriff auf die Tradition der Philosophie des Geistes. Aber das Buch bleibt bei der Kritik, ohne eine wirkliche Alternative zu bieten. 2012 kaufte ich – mehr zufällig – Searles Buch: Wie wir die soziale Welt machen. Dieses Buch stand seither im Regal der ungelesenen Bücher. Wiederum recht zufällig packte ich es ein für unsere Ferien im indischen Ozean und begann es dort zu lesen, weil ich ja in Kürze einen wissenschaftlichen Text – eine Masterarbeit – zu schreiben habe, als Abschluss zu meiner Ausbildung im Bereich eLearning und Wissensmanagement. Ich werde mich wahrscheinlich in dieser Arbeit mit der Veränderung der Bildung auseinandersetzen, also wie sich Wissen neu konstituiert, welche Ordnungen des Wissens sich herausbilden, usw. Deswegen schien mir Searles Theorie der sozialen Wirklichkeit als wahrscheinlich notwendige Grundlage. So – über diesen Umweg bin ich schliesslich auf das nun zur Lektüre vorliegende Buch gestossen, weil er dort gleich auf der ersten Seite schreibt: „Fast alle Werke, die ich gelesen habe, übernehmen dieselbe Gruppe historisch überlieferter Kategorien, um mentale Phänomene, insbesondere Bewusstsein zu beschreiben.“ Und weiter unten: „Die unterschiedlichen Standpunkte werden also alle innerhalb einer Gruppe falscher Voraussetzungen bezogen. Das hat zur Folge, dass die Philosophie des Geistes unter den zur Zeit gängigen Philosophiethemen einzigartig darin ist, dass ihre berühmtesten und einflussreichsten Theorien alle falsch sind.“ – Nun, das ist doch mal eine Aussage, die aufhorchen lässt! und die mich sehr neugierig macht, denn was kommt da?
Und jetzt noch etwas für heute: Ich habe in der Ankündigung des Blogs das Wort „Explizieren“ verwendet, das einer Leserin nicht gefällt. Es klingt in der Tat nicht gerade poetisch, sondern recht spröde, aber es hat einen Grund. Um etwas überhaupt verstehen zu können, muss man es erklären. Das ist logisch. Man muss – um etwas selbst wirklich zu verstehen – es jemand anderem erklären. Man lernt, indem man lehrt. Obwohl das mein Alltag ist, vergesse ich es oft, wenn es um mein eigenes fortschreitendes Lernen geht. Da liest man Bücher und unterstreicht, aber wenn man nicht darüber spricht, nicht in eigene Wort fasst, was man gelesen hat, bleibt das Gelesene höchstens implizit, es wird aber nicht explizites Wissen, das dann auch zu einer Verhaltensänderung oder einer Änderung des Denkens führt. (Da fällt mir auch gleich ein Zitat von Michel Foucault ein, das ich sehr mag: Arbeiten heisst, etwas anderes zu denken, als was man vorher gedacht hat.“)
Beim Aufräumen von Constantins Wohnung, als er ins Altersheim umzog, entdeckte ich ein Notizbuch. Darin schrieb er auf die erste Seite: „Woran ich mich erinnere“ – Das ist alles, was in diesem Notizbuch steht.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

1 Kommentar zu „Woran ich mich erinnere…“

  1. Lieber Patrik, darf ich ein bisschen Korrektor spielen? Du schreibst im heutigen Blog-Beitrag von einem „intelligenten Logarithmus“, meintest aber wohl „… Algorithmus“. Und Emergenz schreibt man mit einem „m“. Den Satz, worin das Wort Emergenz vorkommt, verstehe ich übrigens nicht so recht.
    Bin gespannt wie’s weitergeht.

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