Subtraktionen…

Als Knabe und noch lange als Jugendlicher dachte ich mir ontologische Systeme aus, die das Körper-Geist-Problem beschreiben sollten. So fragte ich mich, wo all die Seelen sich aufhalten oder herkommen, wenn sie unendlich sind, oder umgekehrt, wie eine Seele entstehen sollte, wenn sie denn „geburtlich“ wäre. Nun, das Wort: geburtlich – gibt es nicht, was erstaunt, da uns ja das Gegenteil: sterblich – so geläufig ist. Immer nur beschäftigt uns unsere Endlichkeit am einen Ende, aber jene am Anfang, oder eben auch am anderen Ende stellt uns nicht gleichermassen philosophische Probleme, sondern wohl eher ökonomische. Natürlich habe ich schon damals das Subtraktionsexperiment gemacht, das darin besteht, von dem, was wir als Geist oder Seele oder Bewusstsein vorstellen, immer mehr abzuziehen, um mit diesem Verfahren herauszufinden, was denn lebendige Existenz im Sinne von Bewusstsein ausmacht. Was passiert, wenn ich keine Arme mehr hätte? Nun, ich wäre ich, ohne Arme. Was wäre ich, wenn ich nichts mehr sähe? Ich, aber immer noch _ich_ wäre blind. Immerhin hätte ich noch die Erinnerungen an Gesehenes und so wäre ich ich durch meine Erinnerungen und meine zwar blinde Existenz. Die Vorstellung zusätzlicher und vollständiger Stumm- und Taubheit ist darüber hinaus weit irritierender. Es entsteht sogleich ein Gefühl extremer Beklommenheit, als wäre man in etwas eingeschlossen, aus dem es kein Entkommen gibt. (Die Beobachtung muss ich festhalten). Das mildert sich wiederum, wenn man das Zeitempfinden abzieht, so als wäre man in einem Traum. Dennoch bleibt immer dieses Ich zurück, das diese Erfahrungen irgendwie aufzeichnet. Was aber geschieht mit diesem Ich, wenn nun die Fähigkeit etwas zu erinnern, verschwindet? Kann ein Ich noch ein Ich sein ohne eine Form von Erinnerung? Letztlich bin ich stets an dieser Frage gescheitert und ich scheitere auch heute. Früher entliess ich in diesem Moment das Ich in ein Universum von Informationen ohne Wissen (so würde ich das heute nennen, als Jugendlicher fand ich dafür noch keine geeignete Beschreibung.) Das Ich war unverbunden und frei schwebend, solange, bis ein werdendes Leben sich ein solches Ich gewissermassen schnappt, um sich ein Zentrum zu geben. Und von diesem Augenblick an verkehrt sich ontologische Subtraktion in eine ontologische Addition und immer kommt nun irgendetwas hinzu.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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