Das chinesische Zimmer

Am 15. November 2016 ist Cecil Joshua Schedler bei einem Unfall ums Leben gekommen. An meinem Geburtstag, dem 26. November, haben wir ihn zu Grabe getragen.
Cecil, der 1993 zur Welt kam, war ein wunderbarer Mensch von grosser Intensität, voller Humor und Leidenschaft.
Am 18. September 2011 starb sein jüngerer Bruder Jonin Noël. Am Abend des 17. Septembers hat ihn eine Kugel aus einer versehentlich abgefeuerten Pistole am Hals getroffen. Diese beiden Ereignisse verbinden sich in unserer Wirklichkeit und werfen eine ganze Reihe von Fragen auf, die jeden, der sich auch nur ein wenig auf diese Ereignisse einlässt, unweigerlich einholen. Ich habe im letzten Eintrag geschrieben, dass man sich unversehens im Netz des Dualismus wiederfindet. Der Dualismus bietet einen gewissen Trost und wahrscheinlich ist das auch der Grund seines Erfolgs.

Searle beschäftigt sich im ersten Teil seines Buches „Geist“ ausführlich mit der Demontage sowohl des Materialismus als auch des Dualismus. Der Materialismus geht davon aus, dass es im Universum nichts anderes gibt, als materielle Phänomene, die letztlich mit den entsprechenden physikalischen Theorien beschrieben und erklärt werden können. Mentale Phänomene, also zum Beispiel Schmerz, Trauer oder so etwas banales wie Durst sind reduzierbar auf biochemische Prozesse im Gehirn. Damit behauptet der Materialismus etwas, was uns als evident falsch erscheint, denn tatsächlich erleben wir ja alles, was wir erleben in der Form: Ich erlebe das. Sollte der Materialismus Recht haben, wären wir lediglich komplizierte Maschinen, die man früher oder später mehr oder weniger vollständig nachbauen könnte, man braucht nur die entsprechenden Baupläne. Tatsächlich glauben eine ganze Reihe bedeutender Wissenschaftler, dass das Bewusstsein letztlich eine reine Funktion unserer biologischen Wirklichkeit ist. Was ist das logische Killerargument gegen den Materialismus? Der Materialist sagt, dass alles, was ist, aus physischen Partikeln besteht, die sich in Kraftfeldern befinden und sich oft zu Systemen organisieren. Das ist soweit richtig. Bloss macht der Materialist dann den entscheidenden Fehler zu schliessen, dass mentale Zustände, mithin also unser Bewusstsein gar keine Wirklichkeit besitzt. Es ist nur eine „Täuschung“ oder „Erscheinung“, wie der Sonnenuntergang, der uns als Untergang erscheint, aber nur durch die Rotation der Erde zustande kommt. Searle entzieht dem in der sogenannten starken künstlichen Intelligenz zu Ende gedachten Materialismus mit dem Argument des chinesischen Zimmers den Boden. (Die starke künstliche Intelligenz – KI geht davon aus, dass sich irgendwann Maschinen so weit entwickeln lassen, dass sie Bewusstsein haben.)
Das Argument geht so: Stell’ Dir vor, Du sitzt in einem Zimmer. Das Zimmer verfügt über zwei Klappen, über die Gegenstände, z.B. Schriftzeichen in das Zimmer hineingegeben und hinausgegeben werden können. Stellen wir uns weiter vor, ich oder John Searle sitze in diesem Zimmer. Im Zimmer hat es Kisten mit Symbolen und ein Handbuch. Das Handbuch sagt mir genau, welches Symbol ich aus welcher Kiste nehmen und durch die Klappe hinausgeben muss, wenn ein anderes Symbol zur Klappe hineingegeben wird. Nehmen wir an, die Symbole sind chinesische Schriftzeichen. Da weder ich noch John Chinesisch verstehen, lesen oder auch nur die Zeichen erkennen können, kann ich im Zimmer nicht nachvollziehen, was ich genau tue. Da aber das Handbuch sehr gut zu handhaben ist, wird draussen der Eindruck entstehen, dass das Zimmer Chinesisch versteht und spricht. Die Chinesen ausserhalb des Zimmers denken womöglich, dass es sich um ein intelligentes Zimmer, gar um ein Zimmer mit Bewusstsein handelt. Nun kommt jemand, der Deutsch kann und gibt deutsche Wörter und Sätze durch die Klappe ins Zimmer. Nun kann ich aber auf diese Eingaben ohne Handbuch reagieren und deutsche Wörter und Sätze hinausgeben. Ausserhalb des Zimmers besteht weiterhin der Eindruck, dass es sich um ein intelligentes Zimmer handelt, das nicht nur Chinesisch, sondern auch noch Deutsch verstehen und in Deutsch antworten kann. Innerhalb des Zimmers gibt es nun aber einen entscheidenen Unterschied. Die Symbole, die Chinesisch sein sollen, verstehe ich nicht und es spielt für mich überhaupt keine Rolle, was sie bedeuten und ob sie überhaupt Chinesisch sind. Die deutschen Wörter und Sätze aber verstehe ich – ich verstehe die Bedeutung. Für Chinesisch bietet mir das Handbuch die Syntax, für Deutsch verfüge ich darüber hinaus über die Semantik. Damit ist im Prinzip das Problem des Materialismus gelöst, bzw. vollständig offen. Ein Materialist kann „Bedeutung“ nicht erklären, genauso wenig, wie er Schmerz erklären kann. Vielleicht gelingt es sogar eines Tages zu erklären, was ein Phantomschmerz neurobiologisch ist, aber das individuelle Schmerzempfinden bleibt ungelöst, letztlich, weil das Problem des ICHs ungelöst bleibt. Searle präzisiert natürlich diese Argumentation noch sehr viel detaillierter. Nur einen weiteren Schritt möchte ich noch anfügen: Der Materialist reduziert die mentalen Phänomene auf materielle Phänomene. Das geht solange gut, wie es tatsächlich möglich ist, Erscheinungen physikalisch anders zu beschreiben, wie zum Beispiel den Sonnenuntergang. So kann ein glückliches Paar am Strand den Untergang der Sonne beobachten und doch wissen, dass die Erscheinung durch die Erdrotation zu Stande kommt. Was sich aber logisch nicht reduzieren lässt, ist das individuelle Erleben des Sonnenuntergangs, denn keine Logik erlaubt die Übereinstimmung zwischen den Phänotypen von der Art „Ich erlebe den Sonnenuntergang“ – und – „die Erde dreht sich“. In der Philosophie spricht man hier von der Erste-Person-Ontologie und der Dritte-Person-Ontologie. Eine Dritte-Person-Ontologie lässt sich nicht auf eine Erste-Person-Ontologie reduzieren. Diese grundlegende Erkenntnis scheint dem Dualisten Recht zu geben, der nun behauptet, weil es diese Reduktion nicht gibt, mentale Zustände, also das Bewusstsein als Erste-Person-Ontologie-Phänomen einer eigenen, nicht materialistischen Wirklichkeit angehöre. Das ist der zentrale Fehlschluss der Dualisten, denn damit setzt er die Naturgesetze ausser Kraft (vgl: Searle, S. 140) Wir nähern uns nun dem Schlüssel zum Verständnis von Searles Philosophie, die ja nicht nur die Überwindung des Materialismus, sondern auch die des Dualismus (und all ihrer Abformungen) sein will.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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