Die Philosophie und der Tod

Vor sehr langer Zeit, ich glaube es war 1987, fand auf Lanzarote ein internationaler Kongress zu den Themen ‚Eros, Liebe, Sexus‘ statt. Das Besondere an dieser Veranstaltung war die Unterschiedlichkeit der Referenten. Da gab es Vertreter des Buddhismus, ein Therapeut und ehemaliger Vertrauter Bhagwans, eine Tantrikerin, zwei führende Sexualwissenschaftler, und zwei Philosophen und viele mehr. Der eine der beiden Philosophen war ein Gründungsmitglied der deutschen Grünen, Rudolf Bahro, der 1979 aus der DDR emigrieren musste, nachdem ihm wegen seines Buches „Die Alternative“ in der DDR der Prozess gemacht wurde. Ich las damals sein – für mich damals schwer verständliches – Buch „Die Logik der Rettung“ – eine politische Theorie grüner Politik. Schwer verständlich, weil ich damals einfach noch sehr jung war und von den komplexen Bezügen des recht abstrakten Textes keine Ahnung hatte!
Der andere Philosoph war vielleicht aber der Hauptgrund meiner Reise: Peter Sloterdijk. Ich hatte in jenem Sommer 1987 sein zweibändiges Werk „Kritik der zynischen Vernunft“ durchgearbeitet, gleichsam mein erstes Studium eines umfangreichen und wirkmächtigen philosophischen Werks. Ich war so fasziniert, dass ich den Autoren dieses Werks kennen lernen wollte, zumindest mal sehen. Natürlich war das Thema „Eros, Liebe, Sexus“ auch anziehend, dann diese damals noch nicht vollständig zugebaute Lava-Insel… und, nicht zuletzt, – zahlte mir meine alte Freundin die Reise!
Wir kamen nachmittags in der Hotelanlage an und bezogen unseren Bungalow am Pool mit Sicht aufs Meer. Irgendwann am frühen Abend fand die Registrierung der Kongressgäste in der Lobby des Hotels statt. Dort konnte man sich auch für Lectures, Workshops und Vorträge eintragen. Ich erinnere mich gut an die seltsam aufgeregte Stimmung, die uns von den herumstehenden und tuschelnden Leuten entgegenschlug – das war nicht die gewöhnliche CheckIn-Nervosität, das war etwas anderes!
Recht schnell erfuhren auch wir, was vorgefallen war:
Mutmasslich etwa um die Zeit, als wir im Hotel eintrafen, verunglückte nur wenige Meter vom Hotel entfernt die Partnerin und Mitorganisatorin des Initianden und Hauptverantwortlichen des Anlasses tödlich. Die beiden hatten, nachdem alles vorbereitet war, mit einem offenen Jeep eine kleine Tour über die Insel gemacht. Auf dem Rückweg, kurz vor der Hotelanlage, gab es eine 90-Grad-Kurve. Er sass am Steuer, fuhr etwas zu schnell in die Kurve, touchierte einen Stein am Strassenrand, das Fahrzeug machte einen Satz und die nicht angeschnallte Beifahrerin wurde durch diesen Schlag aus dem Sitz geschleudert. Sie brach sich dabei das Genick und war sofort tot. Er war vollständig unverletzt. Auch der Wagen hatte keine Schäden.
Diese Nachricht machte nun die Runde unter den Referenten und Gästen. Sie traf gerade erst ein und versetzte natürlich das ganze Hotel in eine beklemmende Mischung von Aufregung und Niedergeschlagenheit.
Da wir weder den Organisatoren noch seine Freundin, ja eigentlich überhaupt niemanden persönlich kannten, waren wir natürlich nicht so betroffen, aber wir spürten, dass nun diese vor uns liegenden drei Tage mit Referaten und Workshops über Liebe und Sex und Eros seltsam vorkamen.
Am anderen Morgen versammelte man alle Gäste im grossen Saal und gab uns bekannt, dass jeder Referent auf seine Weise auf den Vorfall reagieren werde. Der erste Tag stand damit nicht unter dem Thema des Kongresses, sondern unter dem Thema Tod.
Schwach erinnere ich mich an ein Ritual eines tibetischen Geistlichen, das mir seltsam vorkam, an einen Vortrag eines sehr bekannten Zen-Meisters über das Verhältnis von Zen und Tod, aber sehr eindrücklich erinnere ich mich den Workshop von Peter Sloterdijk, zu dem ich mich auch eingeschrieben hatte.
Er stellte uns, der durchaus mit spirituellen, östlichen Konzepten vertraut war, dar, wie die westliche Philosophie und ganz besonders die aufklärerische, bzw. nachaufklärerische Philosophie zum Tod steht. So nüchtern einerseits seine Ausführungen waren, so tröstlich, weil authentisch waren seine Worte andrerseits, denn gerade in der expliziten Untröstlichkeit lag Trost.
Sloterdijk begann seine Rede mit der Lektüre einer recht langen Passage aus seinem zwei Jahre zuvor erschienen Roman „Der Zauberbaum“ (bis heute übrigens sein einziger Roman). In dieser Geschichte lässt er einen jungen Wiener Arzt kurz vor der französischen Revolution nach Paris reisen, weil er sich dort über neueste Heilmethoden informieren wollte. Wie das früher bei solchen Reisen war, entstand eine kleine Reisegruppe, die sich die Kutschen teilte. Dabei war auch ein etwas älterer Priester. Irgendwo brach der Kutsche ein Rad. Der Arzt und der Priester beschlossen zu Fuss vorauszugehen, während die Damen in einem Gasthaus warteten, bis die Kutsche repariert war. Die beiden Männer wurden von einem Gewitter überrascht und mussten sich in einer Scheune unterstellen. Dort erzählte der Priester dem Arzt, weshalb er den Glauben an Gott verloren habe. Der Auslöser war das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, mit – heute – geschätzten rund 100’000 Opfern – die wahrscheinlich grösste Naturkatastrophe der neueren Geschichte in Europa. Die Rede des Priesters, dem mit den Berichten über die Katastrophe auch Gott starb, ist eine eindrückliche Schilderung der gedanklichen Bewegungen von der Aufklärung zum Nihilismus in nuce. Es lohnt sich, das zu lesen. (Peter Sloterdijk. Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahre 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Ffm. 1987. S. 72ff.)
Langer Rede kurzer Sinn: die Philosophie hat sich davon verabschiedet, mit dem Verweis auf ein Jenseits, auf ein Weiterleben nach dem Tod Trost zu spenden und wenn man so ehrlich zu sich selbst ist wie dieser Priester, weiss man, dass der religiöse Trost von der Art eines Märchens ist, von dem die Kinder längst wissen, dass es ein Märchen ist, aber es trotzdem immer wieder hören möchten.
Dennoch ist die Philosophie auch ganz besonders geeignet, sich zum Tod ein-zu-stellen. Ihre Geschichte hebt ja gewissermassen mit einem der berühmtesten Tode, dem Sterben des Sokrates an, dem sein Schüler Platon im Dialog ‚Phaidon‘ ein Denkmal setzte. Gadamer bezeichnet den ‚Phaidon‘ als eine „in vieler Hinsicht grossartigsten und bedeutendsten Schriften der griechischen Philosophie“. (Hans-Georg Gadamer. Wege zu Plato. Reclam Stuttgart, 2001, S. 9)
In diesem Dialog lässt sich Phaidon von den beiden pythagoreischen Freunden des Sokrates, die ihn während der Gefangenschaft und schliesslich auch am Todestag besuchten, das letzte Gespräch berichten, das er mit den beiden über das Sterben führte. Der grösste Teil des Dialogs handelt von den verschiedenen Beweisen der Unsterblichkeit der Seele. Wegen seiner literarischen und philosophischen Qualität gilt der Text bis heute als die Quelle für das Konzept der ewigen und unsterblichen Seele, nicht nur in der Philosophie, sondern auch ganz besonders in der christlichen Theologie. Eigenartig bloss, und das arbeitet Gadamer in seinem Platon-Essay über die Unsterblichkeitsbeweise heraus, dass diese Beweise alle irgendwie hinken. Da Platon den ‚Phaidon‘ auf der Höhe seines Schaffens schrieb, scheint das nicht zufällig, im Gegenteil, so Gadamers Interpretation: Platon zeigt uns auf, dass es trotz allem diese Differenz zwischen Wissen und Glauben gibt. Wir können an die unsterbliche Seele zwar glauben, aber wir wissen nicht, ob sie wirklich unsterblich ist. Freilich hat sich die Theologie nie an dieser Differenz ernsthaft abgearbeitet (sonst wäre sie ja keine Theologie, sondern Philosophie).
Ein anderer Schlüsseltext ist Boëthius’ ‚Trost der Philosophie‘. In diesem römischen Text der dritten (späten) Stoa erzählt ebenfalls ein (zu Unrecht) zum Tode Verurteilter, wie ihn die Philosophie zur Gelassenheit gegenüber dem Tod brachte. Seine Wirkung war ebenfalls gewaltig, wurden doch fast alle christlichen Märtyrer-Erzählungen entlang dieses Textes inspiriert. Die Quintessenz von Boethius ‚Trost‘, ist es, dass das unabwendbare Schicksal des Todes jeden trifft, ob es nun in der Form des plötzlichen Todes, des langsamen Krankheitstodes, des ungerechten Mordes oder des selbstgewählten Freitodes ist: wir entrinnen ihm nicht, deswegen sollte man ihn annehmen. Den Tod annehmen kann man aber nur, wenn man auch das Leben angenommen hat. Entscheidend, ob man die Kunst des Sterbens, die Ars morendi beherrscht, ist, ob man das Leben beherrscht. Nur wer mit sich im Reinen ist und auch so immer gelebt hat, kann dem Tod gelassen entgegen sehen. Die Kunst zu Sterben ist wesentlich die Kunst des Lebens.
Letztlich greift der Existentialismus des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts diese Haltung auf. „Du bist, was du bist.“ Der Sinn deines Lebens schöpft sich aus Dir selbst und ob es dir gelungen ist, deinem Leben einen Sinn zu geben, erfährst du spätestens im Angesicht des Todes. Ein für mich persönlich sehr wichtiger Text zum Problem des Todes ist Jean Amérys Essay ‚Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod‘. Améry ist im höchsten Grade legitimiert über den Tod zu schreiben. Er wurde in den KZ’s der Nazis aufs Schwerste gefoltert, hat überlebt, aber sich schliesslich, weil er nicht mehr schreiben konnte, umgebracht.
Aktuell beschäftigen sich namhafte (akademische) Philosophen in karätigen Gremien, zusammen mit Ärzten und Juristen mit dem Problem der Sterbehilfe. Weil wir medizinisch in der Lage sind, den Tod immer länger hinauszuzögern, wird die Sterbehilfe-Frage auch immer wichtiger.
Übrigens: der Google-CEO und Hauptaktionär von Google Jeff Bezos glaubt an eine bald realisierbare technologiegestützte Weiterexistenz über die statistische Höchstgrenze leiblichen Lebens von 120 Jahren hinaus.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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