#Stichwort: Medien

Konfrontiert mit einem Stichwort, das so allgemein und so spezifisch ist, wie „die Medien“ greift der Philosoph zunächst zum ‚Wörterbuch der historischen Begriffe der Philosophie‘ und findet unter ‚Medien, Medium‘ – nichts. Das ist überraschend. Und auch wieder nicht. In der Zeit, als die für dieses Wörterbuch relevanten Begriffe gesetzt und gesammelt wurden, also in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, unterschied man noch zwischen Zeitungen, Radio und Fernsehen. Es waren gerade drei charakteristische Kanäle, die Öffentlichkeit konstruierten. Diese technische Unterscheidung, die auch eine wesentliche, also eine dem Wesen nachgehende, bzw. vorausgehende Unterscheidung war, ist heute höchstens noch als phänomenologische Gedankenspielerei von Bedeutung, aber nicht mehr in der kritischen Analyse des damit gemeinten Gegenstands. Doch hier wird es bereits schwierig, denn was ist der Gegenstand der Medien? Was meinen wir, wenn wir dieses Wort verwenden? Manchmal meinen wir einen ganz bestimmten Kanal, ein einzelnes unter einem bestimmten Namen firmierendes Medium wie zum Beispiel das Schweizer Fernsehen oder die ‚Washington Post‘. Ein anderes Mal meinen wir alle Formen von redigierter Einbahnkommunikation: also alles, was von Einzelnen oder wenigen in konkreter und professioneller Absicht an viele über einen Medienkanal publiziert wird und ein weiteres Mal fassen wir schlicht alles darunter, was irgendwie technisch Informationen transportiert, also vom klassischen Brief bis zum interaktiven Video mit VR- oder AR-Anbindung, inklusive der entsprechenden Geräte und den dahinter funktionierenden Technologien.
Nun muss man fragen: kann man überhaupt und in philosophischer Hinsicht über Medien sinnvolle Aussagen formulieren, wenn der Begriff so unbestimmt ist? Man kann. Aber nur, wenn man mit einer Methode arbeitet, die es erlaubt, sich einem Begriff zu nähern, der zunächst nur ein Begriff für ein ganzes Feld, ein Netzwerk von Bedeutungen und Zusammenhängen ist, mithin etwas Bewegliches, sich Bewegendes.
Zunächst sammeln wir Enthaltenes, das wir mit-meinen, wenn wir von ‚Medien’ sprechen: Töne, Stimmen, Bilder, Filme, Texte, Kontexte, Information, Manipulation, Kommunikation, Geräte, Programme, Funktionen, Technologien, Medienhäuser, Kanäle, Wirkungen, Reaktionen, Neuigkeiten, Hintergründe, Ereignisse, und irgendwann auch: Fakten, Wirklichkeit, Wahrheit und entsprechend Meinung, Schein, Verschleierung, Lüge, schliesslich Macht. Fällt Ihnen etwas auf? Ich habe Menschen nicht erwähnt in dieser Aufzählung, obwohl ja Menschen Medien machen: Verleger, Journalisten, Reporter, Texter, Werber, Zuhörer, Zuschauer, Leser, Konsumenten usw. Aber die Menschen liste ich nicht auf, denn das Wort ‚Medium‘ heisst: ‚dazwischen‘. Die Medien sind zwischen uns Menschen und auch zwischen denjenigen, die die Medien machen, denn sie selbst sind nicht das Medium und vielleicht ist ihr Machen mehr ein Produzieren – im lateinischen Wortsinn des Auf-die-Bühne- oder des In-den-Zirkus-Bringens (und der Circus maximus ist in römischer Zeit die grösste anzunehmende Öffentlichkeit).
Das Medium, das „Dazwischen“ also, konstituiert Funktionen, man könnte auch sagen: programmiert Rollen, als Akteure, als Regisseure, als Techniker, als Publikum, usw. Das Zusammenspiel der Funktionen um Ereignisse erzeugt das mediale Drama. Literarisch hatte Heinrich Böll mit seiner sehr bekannten Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ der schäbigen Wirklichkeit dieses „Spiels“ ein Denkmal gesetzt, das kaum an Aktualität eingebüsst hat. Die einzige Korrektur, der es bedürfte, ist, dass heute alles noch um einiges komplexer ist. Aber die Grundstrukturen bleiben erhalten. Was aber sind diese Grundstrukturen, die – wenn wir das philosophisch angehen – einzig interessieren?
Das Mediale ist systemisch zu begreifen. Das Mediale entwickelte sich ursprünglich stets um das Ereignis herum. Etwas geschieht. Das Geschehene wird berichtet und damit setzt sich der Prozess des Medialen in Gang. Früher ging das von Mund zu Ohr zu Mund, dann kamen Schriften hinzu, heute sind es multimediale Komplexe. Immer noch braucht es das Ereignis, um das sich wie Wellen ausbreitende System des Medialen in Gang zu setzen. Allerdings kann ein Ereignis völlig unbedeutend sein, und es gibt trotzdem eine massive Bewegung, oder das Ereignis kann schwerwiegend sein, aber es bewegt sich kaum etwas. Darüber, warum das eine oder das andere als mediales Ereignis auf ein reales Ereignis folgt, eine grosse oder eine kleine Welle oder gar keine, darüber gibt es keine bessere als die Chaos-Theorie. Die Kräfte, die die nicht lineare Dynamik in Bewegung setzen, sind meist die Gier nach Geld, nach Macht, oder verletzter Stolz und Ressentiment, während die dynamischen Kräfte, die chaotischen Verstärker der Sensationshunger, die Häme, die Schadenfreude des Publikums sind.
Am Anfang steht das Ereignis. Es wird von einem Zeugen berichtet. Dieser Bericht selbst kann noch vor-medial sein, oder er kann schon medialen Charakter annehmen, weil der Zeuge durch das Berichten für sich selbst Bedeutung und Anerkennung zu erhalten hofft. Das berichtete Ereignis affiziert die Zuhörer des Berichts und dieser Affekt springt als Zuwendung, als Anerkennung auf den Berichterstatter über. Dieser Grundzusammenhang ist elementar. Und hier setzt nun bereits das Problem der Wahrheit ein. Ein Ereignis, dessen Zeuge ich bin, erlebe ich aus einer bestimmten Perspektive und er-zeugt in mir eine entsprechende Wirklichkeit, die ich als Wahrheit nehme. Selbst wenn ich alles, was ich gesehen, so wiedergebe, wie ich es wahrgenommen habe, wird ein anderer Zeuge eine andere Perspektive haben und dasselbe Ereignis anders wahrnehmen. Das weiss die Polizei und das weiss der Journalist – beide sind – im Prinzip – der Wahrheit verpflichtet, aber diese Wahrheit ist bereits eine synthetische Wahrheit, die sich aus zusammengesetzten Zeugnissen ergibt. Hier entsteht die mediale Wirklichkeit als bedeutungsgeladenes Konglomerat aus Zeugnissen von Zeugen. Aus dem Ereignis – und wenn wir genau auf das Wort hinhören, hören wir den althochdeutschen Wortstamm des Eräugens, also des Sehens von Etwas heraus – und hören wir noch etwas genauer, hören wir: Zeugnis – „Eräugnis“ – und bemerken die Ähnlichkeit – wird etwas anderes: es wird zu einem Gegenstand der Kommunikation, etwas, das zwischen uns ist, eine Bedeutung von etwas, das gar nicht mehr ist, denn das Wesen des Ereignisses ist, im Moment, wo es zum kommunikativen Gegenstand wird, bereits – nicht mehr zu sein. Die Medien sind Ereignis des Vorübergegangenen, des zurückliegenden Ereignisses, eine Art Gegenwart der Vergangenheit.
Das grundlegende philosophische Problem im Medialen ist die zweifache und gegeneinander widersprüchliche Verfassung der Wahrheit. Das Zeugnis des Ereignisses ist die individuelle (also unteilbare) Wahrheit des Zeugen. Nun berichtet er mehreren. Dadurch wird das Ereignis transformiert in einen dramatischen, kommunikativen Kontext, in einem Bedeutungszusammenhang und dort erlangt die Wahrheit des Ereignisses eine andere Verfassung, denn diese Wahrheit ist diejenige, die von denen, die das Ereignis medial verarbeiten und jenen, die das konsumieren, verfasst. Das gilt auch dann, wenn die Geschichte über das Ereignis manipuliert wird.
Nehmen wir folgendes Ereignis als Beispiel:
A tötet B und C sieht zu. B ist also tot. A und C sind Zeugen des Ereignisses dieses Mords, A als Mörder-Zeuge, C als Publikum-Zeuge. As Geschichte wird ganz anders zu hören sein, als Cs Geschichte. Beide berichten nun D und E. D und E hören die Geschichten jeweils anders, weil das Ereignis bereits vorüber, bereits eine Geschichte ist. Nehmen wir nun an, A besteche C und biete ihm viel Geld, um seine Geschichte an die Geschichte As anzupassen. C wird fortan etwas anderes erzählen, als was er D und E erzählte. Nun entwickeln sich Varianten des medialen Ereignisses. F bemerkt diese unterschiedlichen Varianten. Nun fragt sich F, was wahr sei. Er möchte also das Anfangsereignis mit den Varianten abgleichen. Aber das Anfangsereignis besteht aus den zwei Perspektiven. Im Idealfall kann er die ursprünglichen Erzählungen von A und C rekonstruieren. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich die Geschichten dadurch, dass er nach der Wahrheit sucht, verändern, multiplizieren. Er wird selbst dann nicht mehr sicher sein, ob die ursprünglichen Erzählungen von A und C der Wahrheit entsprechen. Alles nun, was vom Moment an, als A und C D und E ihre Geschichten erzählen, ist medial. Wir sehen an diesem theoretischen Beispiel umgehend, wie sich die Wahrheit von A und C von der medialen Wahrheit unterscheiden. Nun geschieht noch etwas: Durch die Ausbreitung des dynamischen Feldes des medialen Ereignisses verändern sich auch die Erinnerungen von A und C. Sie werden von diesen Wellen erfasst und ihre Zeugnisse verändern sich. – Das ist übrigens der Grund für die isolierende Untersuchungshaft. Man versucht die Zeugen vor der unwillkürlichen Veränderung ihrer Erinnerung durch die Ausbreitung des Medialen zu be-„wahren“ (also isolieren). Die unmittelbare Wahrheit des Ereignisses ist im Medialen nicht mehr zu fassen. Daher könnte man nun sagen: kein Wunder, dass im Historischen Wörterbuch der Philosophie der Begriff ‚Medien‘ nicht abgehandelt wird, denn die Wahrheit des medialen Ereignisses ist – gewissermassen – die Lüge! Man kann nun deprimiert sich abwenden und sagen: die Medien lügen. Fake News! Aber damit machen wir es uns zu einfach. Man muss den medialen Begriff der Wahrheit anders fassen, als das Faktische des Ereignisses und akzeptieren, dass das faktische Ereignis zwar der Auslöser war, aber mit den Wirkungen des medialen Ereignisses wenig zu tun hat. Wollen wir – philosophisch – uns mit den Medien auseinandersetzen, müssen wir sie als das sehen, was sie sind und nicht als Ergebnis auslösender Ereignisse. Medien sind die Summe von Kommunikationen, die das konstituieren, was wir die Öffentlichkeit nennen. Sie produzieren erst die Wirklichkeit, die wir Öffentlichkeit nennen. Die Wahrheit dieser Wirklichkeit unterscheidet sich aber von der individuellen Wahrheit. Die Entstehung des Rechts ist dieser Wirklichkeit geschuldet. Das Recht ermittelt (höre: er-mitte-ln – also das fassen, was in der Mitte, also dazwischen ist) die Wahrheit der einzelnen Zeugen eines Ereignisses – das heisst, dass sie gewissermassen aus der Schnittmenge der Zeugnisse eine neue Wirklichkeit als Wahrheit etabliert. Das Perspektivische des Er-Äugnisses wird in die Mitte des öffentlichen Raums gestellt und wird so zum veröffentlichten, also medialen Ereignis. Natürlich ist nun dieses In-der-Mitte-stehen wiederum in der Erfahrung der Einzelnen perspektivisch. Ich sehe zwar in diese Mitte, aber von meinem Standpunkt aus. Aus diesem Grund sitzt der Richter erhöht, um einen „weniger“ perspektivischen, sondern einen mehr „göttlichen“ Gesichtspunkt einnehmen zu können. Im Unterschied nun zur gerichtlich ermittelten Wahrheit eines Ereignisses ist das mediale Ereignis die angenommene Perspektive von ganzen Gruppen. Medien erzählen uns die perspektivische Wahrheits-Wahrnehmung vorübergegangener Ereignisse von Gruppen, indem sie diese öffentliche Wahrheit aus dem medialen Kommunikationsprozess konstruieren.
Erinnern wir uns kurz an Noah Yuval Hararis drei Beschreibungen unserer Gattung: 1. Flexibilität, 2. Die Fähigkeit abstrakte Wirklichkeiten zu imaginieren und zu kommunizieren (Stories: Geld, Gerechtigkeit, Staat, etc.) und 3. Koopartionsfähigkeit in sehr grossen Gruppen.
Die letzten zwei sind auch die Ermöglichungsbedingungen der Medien und – gewissermassen – umgekehrt. Nun sind diese (die Medien) aber kulturgeschichtlich – sofern wir sie modern verstehen – recht jung. Natürlich war der Circus maximus eine Medienmaschine ohne gleichen, aber nicht vergleichbar mit der Wirkung der Erfindung der Druckverfahren durch Gutenberg. Die schnelle Verbreitung gedruckter Zeitungen und Bücher hat erst vor gut 500 Jahren eine abstrakte Öffentlichkeit geschaffen, die Emotionen und Wissen jenseits von konkreten Räumen multiplizierte und potenzierte. Um das, was wir die Medien nennen, sinnvoll zu denken und zu beschreiben, müssen wir womöglich die Philosophie der Geschichte radikalisieren: wenn wir von einem neuen Zeitalter sprechen, dann stehen wir an der Wende nicht in der Grössenordnung von Jahrzehnten oder Jahrhunderten, sondern von Jahrtausenden. Darin wären ‚die Medien’ das Nervensystem eines entstehenden superhumanen Organismus.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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