#Stichwort: Auswanderung – Einwanderung

Sie geben mir das Begriffspaar ‚Einwanderung – Auswanderung‘ als Stichwort für einen philosophischen Blog. Das ist eine ungewöhnliche Aufgabe. Wir verbinden mit dem Phänomen der Migration ja vor allem politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte, weit weniger die Frage von Wahrheit. Aber klar: das politische, wirtschaftliche und soziale Feld wird in der Tat ideologisch bearbeitet, gepflügt gewissermassen, um darin die ideologische Saat aufgehen zu lassen. Lange dachte ich, dass es vor allem nationalistische Populisten seien, die sich dieses Themas bedienten, aber schauen wir genauer hin! Wo Kräfte wirken, wirken Gegenkräfte; wo Macht aufgebaut wird, entsteht naturgemäss Gegenmacht. Das ist eine physikalische und eine psychische Wirkungsweise. Ohne Gegenkraft verliert sich die Kraft, ohne zu unterdrückendes Subjekt erübrigt sich der Unterdrücker. Nun können wir fragen: entstand zuerst der ideologische Druck gegen die Migration oder drückte die Migration die im Nationalismus gebundenen Kräfte so, dass sie sich neu formierten? Eine solche Analyse sprengte diesen Rahmen, aber die Frage sei gestellt.
Das Begriffspaar ist – im Gegensatz zum – scheinbar – überideologischen Begriff der Migration – gebunden an das Faktum von Grenzen. Ein-wandern und aus-wandern kann man nur in Bezug auf ein Behältnis, das ein Ein und Aus zulässt. Bei etwas Offenem, Unbegrenztem spricht man nicht von Ein- oder Auswandern. Die Grenze begrenzt, was wir in klassischer politischer Lehre als Staat bezeichnen, welcher sich definiert durch das Staatsgebiet, das Staatsvolk und die Staatsverfassung. Nur ein Gebilde, das ein umgrenztes Gebiet hat und dessen Bewohner sich eine auf dieses Gebiet bezogene Verfassung gegeben haben, gilt als Staat im völkerrechtlichen Sinne. Darüber hinaus braucht dieses Gebilde zusätzlich die formelle Anerkennung anderer, bereits anerkannter Staaten. So weit so gut. Einwanderung und Auswanderung findet dann also statt, wenn eine solche Staatsgrenze überschritten wird, zum Zwecke, dass die wandernden Subjekte sich dies- oder jenseits solcher Grenzen dauerhaft niederlassen. Hier taucht ein erstes – auch philosophisches – Problem auf, das begrifflich erschlossen werden kann. ‚Wanderung‘ ist die Bezeichnung einer Bewegung, eines Prozesses, wo ein Wesen sich bewegt und nämlich nicht unwillkürlich, sondern gerichtet. Sprechen wir von Einwanderung, dann entsteht aber – unwillkürlich – ein Widerspruch: durch das Ein-Wandern kommt diese Bewegung im Innern des Behältnisses zu einem Stillstand. Die Bewegung des Wanderns endet mit dem Einwandern im Bereich, wohin eingewandert wurde. Beim Auswandern ist es umgekehrt: Das Auswandern bezeichnet eine in der Ruhe des Hierseins beginnende Bewegung ins Hinaus zu etwas ausserhalb des Hiesigen, wobei ein Ziel nicht zwingend klar gegeben sein muss. Diese gegensätzlichen Bewegungen müssen wir zunächst getrennt untersuchen.
Einwandern: Das Subjet, das einwandert, überschreitet die Grenze zu dem Zielraum seiner Einwanderung. Der Zielraum ist das Staatsgebiet. Das ist die physische Realität. Schwieriger wird es, wenn man die soziale und politische Realität unter die Lupe nimmt. In der Tat kann eine physische Einwanderung stattfinden, ohne dass eine soziale und eine politische Einwanderung erfolgt und hier liegt das Problem der Spannung. Die sozialen und politischen Grenzen, die das Staatsvolk mit seiner Staatsverfassung konstituiert, sind weitaus komplexere Grenzen, als die geografischen, die mittels Zäunen und Mauern befestigt werden können. Die politischen Grenzen sind meist leichter zu überwinden als die sozialen. Das Wesen der sozialen Grenzen liegt in der Komplexität des Begriffs des Staatsvolks. Gemeinhin ist die Sprache der äussere Wall, dann kommen sichtbare und unsichtbare Differenzen in der Erscheinung, der Mimik, Gestik, des Verhaltens, kurz der gesamten kulturellen Mentalität. In dieser kulturellen Mentalität liegt gewöhnlich auch der Schlüssel zur Integration der eingewanderten Subjekte. Von den Meinungsmachern wird die Integration als eine eingeforderte Leistung und Leistungsbereitschaft der Einwanderer definiert. In Wahrheit ist das eine wechselseitige Konstellation. Die Kultur des Staatsvolks muss eine Integration der Einwanderer ebenso sehr wollen und vermögen, wie die Einwanderer eine solche wollen und vermögen können müssen. Dieses Wollen und Vermögen des Staatsvolks Einwanderer in seinen Volkskörper zu integrieren, ist wesentlich abhängig von den Ressourcen. Ein kleines, sozial dichtes, ressourcenarmes Land wie die Schweiz hat naturgemäss eine hohe Integrationsschwelle, während grosse Räume eigentlich niedrigere Integrationsschwellen haben müssten. Aber daraus lassen sich keine soziologischen und politischen Schlüsse ziehen, dann in der beobachteten Wirklichkeit spielen weit mehr Faktoren mit. Die Schwierigkeit – im philosophischen Sinne – liegt in der zur Ruhe kommenden Dynamik. Wer einwandert, kommt aus einer Bewegung zu einem Ziel und erwartet dort das Ende seiner Bewegung, eine Ruhe, eine Beruhigung. Vielleicht fällt es älteren Menschen leichter einzuwandern als jüngeren, während jüngere Menschen leichter auswandern.
Auswandern: Das ist eine Bewegung, die von einem Raum, meist als Heimat bezeichnet, in einen für den Auswandernden offenen Raum führt. Er mag ein Ziel haben, doch dieses Ziel ist naturgemäss nicht das Ende einer Bewegung, einer Dynamik, sondern eine grosse Ungewissheit, die Erwartung von Neuem, von Veränderung, etwas Dynamisches. Auswandern ist in unserer mitteleuropäisch verfassten Kulturgeschichte eher positiv konotiert. Es liegt eine romantische, eine abenteuerliche, auch eine heldenhafte Note darin. Man bedenke, dass die Säulen unserer Kultur, die Griechen, ihre Kultur ganz wesentlich aufs Auswandern in neue Räume gründeten, während sie umgekehrt Einwanderer recht strikte am Rande ihrer Gemeinschaften hielten, sie nur zurückhaltend, wenn überhaupt integrierten. Die helvetische und die athenische Demokratie haben hier durchaus Ähnlichkeiten in ihrer Exklusivität. Umgekehrt verhielten sich die Römer, die ihre Expansion kompensierten mit Integration. Die Römer sind nicht ausgewandert, sondern haben die „Einwanderer“, mithin die von ihnen eroberten Völker, verhältnismässig schnell und grosszügig assimiliert. Die römische Kultur ist daher eher vergleichbar mit der europäischen Union, die bis vor kurzem Einwanderer im Prinzip niederschweflig integrierte. Damit gleiten wir aber schon ab ins Soziologische, Historische und Politische.
Philosophisch interessant und weiter zu bedenken ist die gemischte Psyche des Auswanderers, der im neuen Raum ein Einwanderer ist, bzw. des Einwanderers, der in Bezug auf seine Herkunft ein Auswanderer war. Die widerstreitende Bewegungsform – Aus- und Einwandern – konfligiert im wandernden Subjekt und emergiert zusätzlich als die ins Innerpsychische verlegte Grenze, die den geografischen, sozialen und politischen Aussenraum auch nach innen, in die innere Erfahrung des Subjekts verlegt. Diese innere Spannung überträgt sich unschwer auf das Umfeld und ist, neben allen anderen Aspekten, den wirtschaftlichen, den sozialen und den politischen, die Problematik des Phänomens.

Autor: Patrik Schedler

Philosoph, Kurator, Lehrer

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