Blog

Stichwort: Religion

Ich habe Sie um ein Stichwort für meinen nächsten Blogbeitrag gebeten. Also gut: Religion
Bestimmen wir zunächst die Begrifflichkeit.
Religion kommt vom lateinischen religio. Dieses Wort hat mannigfache Bedeutung. Es kann heissen: Rücksicht, Besorgnis, Bedenken, Gewissensskrupel, Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit, Sorgfalt und schliesslich das religiöse Gefühl, die Gottesfurcht und Frömmigkeit.
Unter Religion verstehen wir seit langem das Glaubensbekenntnis, das sich in einer sozialen Ordnung institutionalisiert hat. Bemerkenswert ist nun, dass der Plural, Religionen, voraussetzt, dass eine Pluralität der Glaubensbekenntnisse erkannt und anerkannt wird. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, denn der Begriff der Religion hat weder im indischen Sanskrit noch im Arabischen oder Chinesischen entsprechende Wortstämme oder Wortwurzeln. (Das heisst, dass es in diesen Traditionen eigentlich keine Pluralität von Glaubensbekenntnissen, bzw. „Wahrheit“ gibt, sondern nur eine Einzige.)
Wahrscheinlich sind wieder die Griechen schuld, denn durch die Entwicklung der griechischen Philosophie des 5. und 4. Jahrhundert differenzierte sich ein Wahrheitsbegriff des Wissens von einem Wahrheistbegriff des Glaubens. Die griechischen Philosophen begannen systematisch den Glauben zu hinterfragen. Aus heutiger Sicht meinen wir, dass sich das philosophische Denken gegenüber dem Glauben innert relativ kurzer Zeit etablierte. Die Sicht der Dinge hat womöglich wenig mit der seinerzeitigen Wirklichkeit zu tun. Nur der Elite war diese neue Sicht der Dinge überhaupt zugänglich. Nur Eliten konnten sich den Luxus leisten, den Glauben zu hinterfragen.
Es gibt die historische Dimension der Religion, die unerhört wichtig ist, denn in erster Linie sind die Glaubenssysteme verantwortlich für die Struktur von Gesellschaften. Religion ist zuallererst auch eine Weise des Wissens. Das Wissen, das ich aus dem Glauben schöpfe, ist zuerst und zuletzt individuell. Man könnte dieses Wissen auch Gewissheit nennen. Das philosophische Wissen hingegen ist kommunikativ und von daher auch immer bis zu einem gewissen Masse ungewiss. Es entsteht aus der Dialektik und der spezifischen Struktur der Sprache. In diesen beiden Spähren ist auch der Wahrheitsbegriff auf unterschiedliche und eigentlich unvereinbare Weise verfasst. Die religiöse Wahrheit ist grundsätzlich absolut. Die philosophische Wahrheit ist grundsätzlich relativ. Von der Spätantike bis zur Aufklärung machte sowohl die Philosophie, die in dieser langen Phase ihrer Geschichte keine eigene Disziplin sein konnte, als auch die Theologie einen unmöglichen Spagat. Was die Renaissance womöglich für die Kunst bedeutete, nämlich die Emanzipation der Schönheit von der Religion, war die Aufklärung für die Philosophie, nämlich die Emanzipation des Denkens von der Religion.

Religionen heute – das hat etwas von einem riesigen, verwesenden Kadaver, den man nicht übersehen kann, der wegen seiner Zersetzungsprozesse überaus gefährlich, der für die meisten noch gar nicht tot ist, bzw. die Meisten nicht wahrhaben wollen, dass dieses Ding tot ist, wie ein riesiger Wal, der nun als stinkendes Aas auf dem Strand liegt, auf dem man doch viel lieber sich unbeschwert hätte sonnen wollen im Lichte der Aufklärung, als sich vor Ekel die Nase zuhalten und sich abwenden zu müssen, während andere, die ihren Tod negieren, benommen vom giftigen Leichengas über den Strand torkeln und irre Dinge tun. Die Überreste der Religionen in ihren neo-fundamentalistischen Ausprägungen, seien es junge rasierte Christen oder alte, bärtige Moslems, sind ein Problem, im Allgemeinen. Gegen die Gewissheit, die der Gläubige zu haben behauptet, ist die dialektische und dialogisch entwickelte Wahrheit der Philosophie machtlos. Kein religiöser Mensch heute lässt sich noch auf eine logische und analytische Auseinandersetzung über die Existenz Gottes ein, weil er – dank der Philosophie weiss, dass er dagegen machtlos ist. Umso mehr beharrt er gerade auf jenem Prinzip der Individualität (oder platter: der religiösen Identität), das der Aufklärung zu ihrem Sieg verhalf: die Revolution frisst ihre Kinder!
Machen wir uns allerdings nichts vor! Die Wissenschaft, das wissenschaftliche Weltbild, wie es heute von Politikern, von Interessensvertretern und von Wissenschaftlern, die ihre Forschungsgelder beschaffen müssen, vertreten wird, ist der Struktur der Religion vergleichbar. Es sind sehr ähnliche Mechanismen, die die wissenschaftlichen Seilschaften von Hochschulen und dem internationalen Wissenschafts-Establishments bestimmen, wie jene, die einst (und heute noch immer) die Kirche im Besonderen und die Religionssysteme im Allgemeinen zu den kulturbestimmenden Wissenssystemen machen. Die Wissenschaft selbst hat heute den Status einer Grossreligion. Deswegen ist die Philosophie so wichtig, besonders jene zwei Zweige, den wir die Philosophie der Wissenschaft und die Bewusstseins-Philosophie bezeichnen, denn hier liegen die Probleme der sich quasi-religiös gebärdenden Wissenschaften und ihrem totalitären Anspruch offen ausgebreitet. Das ist ihre Achilles-Ferse.

Was ist Wahrheit?

Vor ein paar Wochen – wir verfolgten das Gespräch von Michel Friedman mit Markus Gabriel (nachzusehen auf YouTube) über eben diesen Gegenstand, richtete jemand von Ihnen kurz vor Lektionsschluss die Frage an mich, was denn Wahrheit für mich bedeute? Es blieb mir nur noch ganz kurze Zeit, zwei oder drei Sätze dazu zu formulieren. Die Philosophie beschäftigt sich schlechthin mit diesem Problem und über alle Zeit und da ich irgendwann in meiner frühen Jugend bemerkte, dass es für mich wahrscheinlich kein grösseres Abenteuer geben kann, als das Denken selbst, beschäftige auch ich mich seither damit: diese Beschäftigung ist aber noch weit selbst von einer vorläufigen Antwort entfernt, womit ich Ihnen höchstens andeuten kann, wo ich derzeit damit stehe. Der Einfachheit halber könnte ich das den Sachverhalt verdunkelnde, aber mir fast wie ein Heraklit-Wort liebe Zitat von Heinz von Foerster vortragen: Die Wahrheit ist eine Erfindung eines Lügners. Dieses Zitat ist übrigens auch der Titel eines sehr lesenswerten Büchleins des grossen Theoretikers des Konstruktivismus. Nun ist das gar nicht so einfach, diesen ..ismus auf den Punkt zu bringen. Es geht dabei um die Erkenntnistheorie und dieser liegt die Frage zu Grunde, wie wir überhaupt etwas erkennen können. An dieser Frage haben sich die Grössten der Philosophiegeschichte, ganz besonders Platon, Aristoteles, Thomas, Descartes und schliesslich Kant abgearbeitet.
Kant hatte das Projekt vorerst abgeschlossen und bereinigt. Eigentlich gelten wichtige Erkenntnisse des Königsberger Philosophen auch heute noch. Allerdings hat die empirische Psychologie und noch weit mehr die Hirnforschung und Kognitionswissenschaft im 20. Jahrhundert uns wichtige neue Fakten geliefert. Umberto Maturana und der früh verstorbene Francisco J. Varela haben entscheidende Schlüsse daraus für die Erkenntnistheorie formuliert.
Worum geht es dabei? Kant hat aufgezeigt, dass das Erkenntnisvermögen letztlich auf zwei Prinzipien beruht, die ineinander verschränkt sind: der sinnlichen Anschauung, oder einfacher, der Erfahrung, der wir als Sinnenwesen fähig sind und der Verstandeskategorien, diese Erfahrungen überhaupt machen und verorten zu können. Kant nennt das die Kategorien.
Der Sprung zum Konstruktivismus liegt nun darin, dass die Hirnforschung erkannt hat, dass unsere Sinnesorgane, also das Sehen, Hören, Riechen, etc. keine rein rezeptiven Instrumente sind, sondern so mit der Gesamtheit unseres Leibes verbunden, dass sie selbst konstruktiv sind. Es kommen also nicht einfach Lichtstrahlen auf unser Auge, das diese als Reiz verarbeitet und im Hirn dann daraus ein Bild zusammensetzt, sondern die Verkoppelungen sind derart komplex, dass ein Auge eben in einem bestimmten Moment etwas ganz Bestimmtes und nur dieses sehen kann, weil der Organismus im Ganzen bereits darauf gerichtet ist, wahrzunehmen, was er als für seine Existenz in diesem spezifischen Augenblick konstitutiv „erfordert“. Sehr vereinfacht formuliert, heisst das, dass der Organismus permanent die Wirklichkeit für sich selbst konstruiert und mit seiner Umwelt abgleicht. Die mechanistische Erklärung von Reiz und Reaktion würde zu einer höchst rudimentären, wenn nicht sogar grundfalschen Erkenntnistheorie führen.
Ich habe schon 1992 angefangen, mich mit dem Werk von Maurice Merleau-Ponty auseinanderzusetzen, der bereits in den 40er Jahren mit seiner ‚Phänomenologie der Wahrnehmung‘ die (philosophischen) Grundlagen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie legte und wenn man nun in ähnlich extremer Verkürzung seinen Ansatz auf den Punkt bringen möchte, könnte man sagen: Die Wahrheit liegt im Leib. Die Verbindung ergibt sich über einen weiteren Theorieansatz, der mein Denken massgeblich beeinflusste, nämlich die Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Die Systemtheorie ist eine soziologische Grosstheorie, die unsere Wirklichkeit nicht mehr in den herkömmlichen Begriffen von Mensch, Sprache, Verstand, Macht, Glück, Wahrheit, etc. beschreibt, sondern ein weitgehend neues Vokabular entwickelte, um die Irrtümer und Missverständnisse der Philosophiegeschichte zu überwinden: wiederum extrem verkürzt: Menschen sind Systeme in Systemen. Systeme interagieren mit ihrer Umwelt über Kommunikationen. Systeme sind selbstreferentiell und prinzipiell selbsterhaltend, das heisst: sie wollen bestehen, wachsen und speisen sich zu ihrem Selbsterhalt aus einer Mischung von Rückkoppelung und Informationsverarbeitung von Umweltinformationen.
Was heisst das für die Wahrheit? Wahrheit ist so gesehen eine Funktion der Systemerhaltung, denn wenn das System nicht über eine Differenzierungsmöglichkeit von wahr/falsch verfügt, riskiert es die Vernichtung. Wahrheit ist also in systemtheoretischer Hinsicht eine systemerhaltende Funktion. Womöglich leuchtet Ihnen nun schon der Satz von Foerster etwas mehr ein, denn Systeme brauchen auch die Lüge als Funktion und streng genommen können wir nicht erkennen, was ausserhalb des Systems, in welchem wir selbst sind, als Wahrheit und Lüge identifiziert werden kann (wie ist es, eine Fledermaus zu sein?)
So weit so gut. In einem Blog kann man freilich nicht tiefer gehen, sofern er noch nachvollziehbar sein soll. Mein Denken am Nachhaltigsten beeinflusst haben allerdings nicht die Konstruktivisten und Systemtheoretiker, sondern das Denken des schlecht in Schubladen zu bringenden Georges Bataille und Michel Foucault. Foucaults Wahrheitsbegriff liegt mir womöglich am Nächsten. Er untersuchte die dynamischen Formen, wie sich Wissen und Macht bedingen und umschlingen. In seiner ‚Archäologie des Wissens‘ untersucht Foucault die Strukturen, die das, was wir schliesslich als ‚Wahrheit‘ erkennen, ermöglichen, jenseits des Subjekts, also des einzelnen Menschen, aber auch jenseits bestimmter Begriffe wie Gesellschaft, Herrschaft, Staat, Wissenschaft usw. Foucaults fundamentale Forschung bekommt ihre Wirksamkeit in der Einsicht der Wechselwirkung zwischen Strukturen und Veränderungen. Dadurch, dass sich alles stets verändert, diese Veränderungen aber asynchron sind, können Begriffe ihre Bedeutungen verändern, ohne dass wir uns dessen gewahr werden. Die „archäologische“ Geistesarbeit liegt nun darin, diese Ungleichzeitigkeiten und ihre Wechselwirkungen freizulegen.
Sie sehen: Sie bekommen keine eindeutige Aussage von mir, was nun Wahrheit sei. Aber definitiv halte ich eine Aussage, wonach es DIE Wahrheit gebe, für irreführend. DIE Wahrheit als kantische Kategorie, die aber inhaltlich leer bleibt: in Ordnung. Damit könnte ich – vorläufig – ruhig einschlafen, aber es wäre dennoch eine Art Schlafmittel. Wahrheit ist flüchtig und muss stets neu ermittelt werden. Der Begriff der ‚Ermittlung‘ ist tatsächlich in seiner kriminalistischen Heimat geeignet, zu illustrieren, was Wahrheit „sei“ – letztlich nur das je vorläufige Ergebnis einer Ermittlung, das heisst der Sammlung von Indizien, die die Wahrheit eines Sachverhalts bestätigen oder falsifizieren. Und Sie erinnern sich, dass ich Ihnen den Sachverhalt mit dem lateinischen FAKTUM erläuterte. Faktum ist – grammatisch – das Partizip von facere, also machen, also das Gemachte und das Gemachte ist letztlich immer eine Konstruktion.

Die Philosophie und der Tod

Vor sehr langer Zeit, ich glaube es war 1987, fand auf Lanzarote ein internationaler Kongress zu den Themen ‚Eros, Liebe, Sexus‘ statt. Das Besondere an dieser Veranstaltung war die Unterschiedlichkeit der Referenten. Da gab es Vertreter des Buddhismus, ein Therapeut und ehemaliger Vertrauter Bhagwans, eine Tantrikerin, zwei führende Sexualwissenschaftler, und zwei Philosophen und viele mehr. Der eine der beiden Philosophen war ein Gründungsmitglied der deutschen Grünen, Rudolf Bahro, der 1979 aus der DDR emigrieren musste, nachdem ihm wegen seines Buches „Die Alternative“ in der DDR der Prozess gemacht wurde. Ich las damals sein – für mich damals schwer verständliches – Buch „Die Logik der Rettung“ – eine politische Theorie grüner Politik. Schwer verständlich, weil ich damals einfach noch sehr jung war und von den komplexen Bezügen des recht abstrakten Textes keine Ahnung hatte!
Der andere Philosoph war vielleicht aber der Hauptgrund meiner Reise: Peter Sloterdijk. Ich hatte in jenem Sommer 1987 sein zweibändiges Werk „Kritik der zynischen Vernunft“ durchgearbeitet, gleichsam mein erstes Studium eines umfangreichen und wirkmächtigen philosophischen Werks. Ich war so fasziniert, dass ich den Autoren dieses Werks kennen lernen wollte, zumindest mal sehen. Natürlich war das Thema „Eros, Liebe, Sexus“ auch anziehend, dann diese damals noch nicht vollständig zugebaute Lava-Insel… und, nicht zuletzt, – zahlte mir meine alte Freundin die Reise!
Wir kamen nachmittags in der Hotelanlage an und bezogen unseren Bungalow am Pool mit Sicht aufs Meer. Irgendwann am frühen Abend fand die Registrierung der Kongressgäste in der Lobby des Hotels statt. Dort konnte man sich auch für Lectures, Workshops und Vorträge eintragen. Ich erinnere mich gut an die seltsam aufgeregte Stimmung, die uns von den herumstehenden und tuschelnden Leuten entgegenschlug – das war nicht die gewöhnliche CheckIn-Nervosität, das war etwas anderes!
Recht schnell erfuhren auch wir, was vorgefallen war:
Mutmasslich etwa um die Zeit, als wir im Hotel eintrafen, verunglückte nur wenige Meter vom Hotel entfernt die Partnerin und Mitorganisatorin des Initianden und Hauptverantwortlichen des Anlasses tödlich. Die beiden hatten, nachdem alles vorbereitet war, mit einem offenen Jeep eine kleine Tour über die Insel gemacht. Auf dem Rückweg, kurz vor der Hotelanlage, gab es eine 90-Grad-Kurve. Er sass am Steuer, fuhr etwas zu schnell in die Kurve, touchierte einen Stein am Strassenrand, das Fahrzeug machte einen Satz und die nicht angeschnallte Beifahrerin wurde durch diesen Schlag aus dem Sitz geschleudert. Sie brach sich dabei das Genick und war sofort tot. Er war vollständig unverletzt. Auch der Wagen hatte keine Schäden.
Diese Nachricht machte nun die Runde unter den Referenten und Gästen. Sie traf gerade erst ein und versetzte natürlich das ganze Hotel in eine beklemmende Mischung von Aufregung und Niedergeschlagenheit.
Da wir weder den Organisatoren noch seine Freundin, ja eigentlich überhaupt niemanden persönlich kannten, waren wir natürlich nicht so betroffen, aber wir spürten, dass nun diese vor uns liegenden drei Tage mit Referaten und Workshops über Liebe und Sex und Eros seltsam vorkamen.
Am anderen Morgen versammelte man alle Gäste im grossen Saal und gab uns bekannt, dass jeder Referent auf seine Weise auf den Vorfall reagieren werde. Der erste Tag stand damit nicht unter dem Thema des Kongresses, sondern unter dem Thema Tod.
Schwach erinnere ich mich an ein Ritual eines tibetischen Geistlichen, das mir seltsam vorkam, an einen Vortrag eines sehr bekannten Zen-Meisters über das Verhältnis von Zen und Tod, aber sehr eindrücklich erinnere ich mich den Workshop von Peter Sloterdijk, zu dem ich mich auch eingeschrieben hatte.
Er stellte uns, der durchaus mit spirituellen, östlichen Konzepten vertraut war, dar, wie die westliche Philosophie und ganz besonders die aufklärerische, bzw. nachaufklärerische Philosophie zum Tod steht. So nüchtern einerseits seine Ausführungen waren, so tröstlich, weil authentisch waren seine Worte andrerseits, denn gerade in der expliziten Untröstlichkeit lag Trost.
Sloterdijk begann seine Rede mit der Lektüre einer recht langen Passage aus seinem zwei Jahre zuvor erschienen Roman „Der Zauberbaum“ (bis heute übrigens sein einziger Roman). In dieser Geschichte lässt er einen jungen Wiener Arzt kurz vor der französischen Revolution nach Paris reisen, weil er sich dort über neueste Heilmethoden informieren wollte. Wie das früher bei solchen Reisen war, entstand eine kleine Reisegruppe, die sich die Kutschen teilte. Dabei war auch ein etwas älterer Priester. Irgendwo brach der Kutsche ein Rad. Der Arzt und der Priester beschlossen zu Fuss vorauszugehen, während die Damen in einem Gasthaus warteten, bis die Kutsche repariert war. Die beiden Männer wurden von einem Gewitter überrascht und mussten sich in einer Scheune unterstellen. Dort erzählte der Priester dem Arzt, weshalb er den Glauben an Gott verloren habe. Der Auslöser war das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, mit – heute – geschätzten rund 100’000 Opfern – die wahrscheinlich grösste Naturkatastrophe der neueren Geschichte in Europa. Die Rede des Priesters, dem mit den Berichten über die Katastrophe auch Gott starb, ist eine eindrückliche Schilderung der gedanklichen Bewegungen von der Aufklärung zum Nihilismus in nuce. Es lohnt sich, das zu lesen. (Peter Sloterdijk. Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahre 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Ffm. 1987. S. 72ff.)
Langer Rede kurzer Sinn: die Philosophie hat sich davon verabschiedet, mit dem Verweis auf ein Jenseits, auf ein Weiterleben nach dem Tod Trost zu spenden und wenn man so ehrlich zu sich selbst ist wie dieser Priester, weiss man, dass der religiöse Trost von der Art eines Märchens ist, von dem die Kinder längst wissen, dass es ein Märchen ist, aber es trotzdem immer wieder hören möchten.
Dennoch ist die Philosophie auch ganz besonders geeignet, sich zum Tod ein-zu-stellen. Ihre Geschichte hebt ja gewissermassen mit einem der berühmtesten Tode, dem Sterben des Sokrates an, dem sein Schüler Platon im Dialog ‚Phaidon‘ ein Denkmal setzte. Gadamer bezeichnet den ‚Phaidon‘ als eine „in vieler Hinsicht grossartigsten und bedeutendsten Schriften der griechischen Philosophie“. (Hans-Georg Gadamer. Wege zu Plato. Reclam Stuttgart, 2001, S. 9)
In diesem Dialog lässt sich Phaidon von den beiden pythagoreischen Freunden des Sokrates, die ihn während der Gefangenschaft und schliesslich auch am Todestag besuchten, das letzte Gespräch berichten, das er mit den beiden über das Sterben führte. Der grösste Teil des Dialogs handelt von den verschiedenen Beweisen der Unsterblichkeit der Seele. Wegen seiner literarischen und philosophischen Qualität gilt der Text bis heute als die Quelle für das Konzept der ewigen und unsterblichen Seele, nicht nur in der Philosophie, sondern auch ganz besonders in der christlichen Theologie. Eigenartig bloss, und das arbeitet Gadamer in seinem Platon-Essay über die Unsterblichkeitsbeweise heraus, dass diese Beweise alle irgendwie hinken. Da Platon den ‚Phaidon‘ auf der Höhe seines Schaffens schrieb, scheint das nicht zufällig, im Gegenteil, so Gadamers Interpretation: Platon zeigt uns auf, dass es trotz allem diese Differenz zwischen Wissen und Glauben gibt. Wir können an die unsterbliche Seele zwar glauben, aber wir wissen nicht, ob sie wirklich unsterblich ist. Freilich hat sich die Theologie nie an dieser Differenz ernsthaft abgearbeitet (sonst wäre sie ja keine Theologie, sondern Philosophie).
Ein anderer Schlüsseltext ist Boëthius’ ‚Trost der Philosophie‘. In diesem römischen Text der dritten (späten) Stoa erzählt ebenfalls ein (zu Unrecht) zum Tode Verurteilter, wie ihn die Philosophie zur Gelassenheit gegenüber dem Tod brachte. Seine Wirkung war ebenfalls gewaltig, wurden doch fast alle christlichen Märtyrer-Erzählungen entlang dieses Textes inspiriert. Die Quintessenz von Boethius ‚Trost‘, ist es, dass das unabwendbare Schicksal des Todes jeden trifft, ob es nun in der Form des plötzlichen Todes, des langsamen Krankheitstodes, des ungerechten Mordes oder des selbstgewählten Freitodes ist: wir entrinnen ihm nicht, deswegen sollte man ihn annehmen. Den Tod annehmen kann man aber nur, wenn man auch das Leben angenommen hat. Entscheidend, ob man die Kunst des Sterbens, die Ars morendi beherrscht, ist, ob man das Leben beherrscht. Nur wer mit sich im Reinen ist und auch so immer gelebt hat, kann dem Tod gelassen entgegen sehen. Die Kunst zu Sterben ist wesentlich die Kunst des Lebens.
Letztlich greift der Existentialismus des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts diese Haltung auf. „Du bist, was du bist.“ Der Sinn deines Lebens schöpft sich aus Dir selbst und ob es dir gelungen ist, deinem Leben einen Sinn zu geben, erfährst du spätestens im Angesicht des Todes. Ein für mich persönlich sehr wichtiger Text zum Problem des Todes ist Jean Amérys Essay ‚Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod‘. Améry ist im höchsten Grade legitimiert über den Tod zu schreiben. Er wurde in den KZ’s der Nazis aufs Schwerste gefoltert, hat überlebt, aber sich schliesslich, weil er nicht mehr schreiben konnte, umgebracht.
Aktuell beschäftigen sich namhafte (akademische) Philosophen in karätigen Gremien, zusammen mit Ärzten und Juristen mit dem Problem der Sterbehilfe. Weil wir medizinisch in der Lage sind, den Tod immer länger hinauszuzögern, wird die Sterbehilfe-Frage auch immer wichtiger.
Übrigens: der Google-CEO und Hauptaktionär von Google Jeff Bezos glaubt an eine bald realisierbare technologiegestützte Weiterexistenz über die statistische Höchstgrenze leiblichen Lebens von 120 Jahren hinaus.

Wie liest man philosophische Texte?

Letzte Woche versuchte ich Ihnen – zum zweiten Mal – etwas über die Technik der Lektüre philosophischer Texte zu vermitteln und es scheint mir, als wäre ich damit ein zweites Mal nicht zu Ihnen durchgedrungen. Deswegen versuche ich jetzt darüber etwas nachzudenken und meine Gedanken für Sie festzuhalten.
Da ist zunächst die ganz einfache Methode: SQ3R!
S – Surview: sich einen Überblick über den Text verschaffen, z.B. die Abschnitte nummerieren; Untertitel lesen u.ä.
Q – Questions: Habe ich eine Frage an den Text? Habe ich überhaupt eine Frage? Warum lese ich das? Was erwarte ich herauszufinden? usw.
R – Read. Genau lesen. Das heisst, Satz für Satz. Wichtiges Markieren. Unbekannte Begriffe nachschlagen.
R – Recite. Immer wieder inne halten, sich selbst befragen: habe ich verstanden? Wie habe ich das Gelesene verstanden? Was habe ich bisher gelesen? Vielleicht Notizen machen.
R – Review. Den gelesenen Text rekapitulieren, zusammenfassen, in eigenen Worten reformulieren.

Soviel zur Technik. Ich arbeite immer mit einem dünnen Bleistift und einem kurzen Lineal; seit einige Jahren verwende ich auch kupferne Bookdarts. Das sind ganz dünne Klammern, um eine Stelle im Buch so zu markieren, dass man sie wieder findet. Früher nahm ich PostIt-Zettelchen, aber der Leim greift über die Jahre die Seiten an.

Ich finde es immer noch sehr anstrengend, philosophische Texte zu lesen. Das ist Arbeit; es hat etwas von Fitness-Training. Versucht man ohne Training irgendwelche Hanteln zu stemmen oder man klemmt sich in so eine Maschine ein,… – das ist ja nur furchtbar. Philosophisches zu lesen wird erst mit regelmässigen, gewissermassen täglichem Training erträglich, irgendwann sogar unerlässlich (man fühlt sich nicht gut, wenn man nicht liest) und klar: wenn Sie wirklich regelmässig trainieren, dann irgendwann wird das Lesen zu etwas Erfüllendem, etwas Erleuchtenden, etwas, das Ihr Leben wertvoller, tiefer, sinnvoller macht.

Ich habe mich während des Studiums und immer wieder, phasenweise, mit den Arbeiten von Michel Foucault auseinandergesetzt. Ein Lieblingszitat aus einem Interview lautet sinngemäss: „Arbeiten heisst, etwas anderes zu denken, als was man vorher gedacht hat.“ Und jetzt setzt gleich diese Neugierde ein: wo stand das? Wie lautet das Zitat genau? Also suche ich. (…) Auf die Schnelle finde ich es nur in einem meiner eigenen Texte, die vor sehr vielen Jahren schrieb, aber immerhin!
Sie waren letzte Woche absorbiert von einem bevorstehenden Geometrie-Test. Folglich war Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, so zu tun, als würden Sie mir folgen, während Sie gleichzeitig versuchten, sich noch die letzten Formeln einzuprägen.
Ich versuchte Ihnen dagegen den Begriff des Verstehens begreiflich zu machen, indem ich im Raum woanders hingestanden bin. Ich habe mich hinter Sie gestellt und dann festgestellt, dass ich augenblicklich verstanden habe, dass ich mit meiner Rede von der Hermeneutik, von der Phänomenologie, oder gar von der sokratischen Maieutik nichts bewirke, weil Ihre Aufmerksamkeit der Geometrie gewidmet war. Deswegen liess ich Sie.
Aber natürlich fordere ich von Ihnen dieses Verständnis, diese Aufmerksamkeit zurück, indem ich Sie auffordere, sich in Ihrem Tun, in Ihrer Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu hinterfragen. Ronja – wenn ich mich recht erinnere – hat gesagt, dass also nur, wer Zeit habe, auch in der Philosophie voran komme. Ja. Das ist so. Sie müssen für Ihre Projektplanung ein Zeit- und Aufmerksamkeitsbudget aufstellen. Dabei ist die reine Dauer relativ. Entscheidend ist die Intensität, die Sie fürs Denken zustande bringen. Was wollen Sie herausfinden? Was beschäftigt Sie wirklich? Folgen Sie dieser Spur! Nur wenn Sie Fragen haben, philosophische Fragen, können Sie philosophische Texte lesen. Sonst lesen Sie nur Buchstaben und Wörter und Sätze ohne Sinn und Bedeutung. Zeitverschwendung.
Ich verrate Ihnen, was meine Fragen sind.
Ich habe noch immer nicht verstanden, wie Lernen funktioniert. Darüber forsche ich. Daran schreibe ich im Moment auch. Bis Ende Jahr möchte ich ein neuartiges „Buch“ schreiben, einen Hypertext, keinen rein linearen Text auf Buchseiten, sondern ein System aus Texten, die durch Hyperlinks aufeinander verweisen. Der Arbeitstitel dieses „Buches“ heisst: „DIDKAKTIK – Lernen und Lehren in philosophischer Hinsicht“.
Das Verhältnis zu den Dingen interessiert mich. Eines meiner grossen Projekte ist eine „Geschichte meiner Dinge“ zu schreiben, wie sie mich beherrschen, wie ich sie sehe, was sie bedeuten und wie das mit der Be-deutung der Dinge geht.
Es gibt noch einige weitere Projekte, aber davon ein ander Mal…

Überwachungskapitalismus

Ich habe Ihnen als einen produktiven Beitrag zum Philosophieunterricht einen wöchentlichen Blog versprochen. Letzte Woche gab ich Ihnen die ersten Seiten des Manifests der kommunistischen Partei von Marx und Engels als Lesebeispiel wirkmächtiger Texte der Philosophiegeschichte. Heute lese ich in der ‚Republik‘ (das ist diese neue, unabhängige online-Zeitung, die ohne Werbung funktioniert und den Lesern gehört) einen Artikel von Daniel Binswanger über das Buch von Shoshana Zuboff
‚Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus‘. Zuboff ist eine emeritierte Harward-Ökonomie-Professorin und das Buch hat weitherum grosses Aufsehen erregt. Ich habe es mir gleich nach der Lektüre des Artikels bestellt und den Artikel finden Sie hier ([https://www.republik.ch/2019/02/09/ueberwachungs-kapitalismus]).
Der Begriff des Kapitalismus entstand schon einige Zeit vor Marx und Engels und in Marx’ Hauptwerk ‚Das Kapital‘ kommt der Begriff offenbar nur ein einziges Mal vor. Durch die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise von Marx (hauptsächlich in seinem unvollendeten Werk ‚Das Kapital‘) entsteht aber eine ideologische Differenz im politisch-gesellschaftlichen Diskurs, weil diese ökonomische Analyse die Gründe für die Verelendung der Massen, der Kinderarbeit und der allgemeinen Unterdrückung in der Wirkungsweise des bei wenigen Kapitalisten konzentrierten Kapitals lokalisiert. Er identifiziert den fortwährenden Klassenkampf, nämlich der Benachteiligten gegen die Herrschenden als Motor der Weltgeschichte. Aus Marx’ Analyse wurde durch die durch sie ausgelöste politische Bewegung (Kommunismus, Sozialismus) – und auch mit Marx’ Mithilfe – eine Ideologie. Im modernen Gebrauch des Begriffs ‚Ideologie‘ bedeutet er, dass eine bestimmte philosophische (mithin wissenschaftliche) Sicht politisch usurpiert (also vereinnahmt) wird, um damit Legitimität und Macht zu beanspruchen. (Ursprünglich bedeutete der Begriff der Ideologie lediglich die Wissenschaft der Ideen in der Tradition Platons.)
Obwohl sich der Begriff ‚Kapital‘ und ‚Kapitalismus‘ in den westeuropäischen philosophischen Schulwörterbücher des mittleren 20. Jahrhunderts nicht finden lassen (man befand sich im kalten Krieg!), sind heute Marx’ ökonomische Forschungen zwar nicht unumstritten, aber nichtsdestotrotz eine wichtige Voraussetzung der ökonomischen Begrifflichkeit.
Die herausragende Leistung von Marx war die Analyse des Zusammenhangs politischer Machtverhältnisse und der Ökonomie. Heute ist uns das ganz selbstverständlich, dass Geld und Macht unmittelbar zusammenhängen und die Politik und die Ökonomie aufs Engste verknüpft sind. Genau so wenig, wie vor Sigmund Freud kaum jemand daran dachte, dass wir zu einem weit grösseren Teil von unbewussten Kräften (vor allem dem Sexualtrieb) gesteuert werden, dachte kaum jemand vor Marx daran, dass die Politik unmittelbar die Folge ökonomischer Interessen und Wirkungen ist.
Interessant dabei ist, dass aber jedes Mal, wenn ein Wissenschaftler diese Verhältnisse genauer unter die Lupe nimmt, es eine heftige Debatte gibt. Vor wenigen Jahren erschien die umfangreiche makroökonomische Untersuchung ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert‘ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Das Buch war noch nicht einmal ins Englische und Deutsche übersetzt, als ihm bereits vorgeworfen wurde, es sei fehlerhaft und einseitig (ich bin diesen Vorwürfen nachgegangen und habe festgestellt, dass es sich dabei um einige Datensätze handelt, die etwas grosszügig interpretiert wurden, aber kein einziger Vorwurf ist substantiell, trotzdem hat zum Beispiel die NZZ sich auf die Seite der Kritiker geschlagen.)
Ich bin sehr gespannt, was Zuboffs Buch auslöst. Meine Wette lautet: es wird sehr viel differenzierter aufgenommen. Es gibt wirtschaftliche und politische Kräfte, die die Vormachtstellung der IT-Konzerne brechen wollen, nicht zuletzt, um sich selbst in deren Position zu begeben. Das konnte man in Russland und China beobachten, wo die IT-Branche schon sehr früh vom Staat und besonders von den Geheimdiensten kontrolliert wurde. Meine Position in dieser Debatte: Demokratisierung der Digitalmächte über das Genossenschaftsmodell – also die Betriebe ins Eigentum der Nutzer überführen und sie öffentlich kontrollieren lassen!

Rückkehr nach Prag

img_9478
Constantin, drei Jahre

Über die Feiertage habe das Buch von Didier Eribon, ‚Rückkehr nach Reims‘ (2009, dt. 2016) gelesen, das ein Erinnerungsbuch ist, worin er seine philosophische Autobiografie mit einem Besuch bei seiner Mutter nach dem Tode des Vaters verbindet. Das stellt gewissermassen eine Verbindung zu meinem Projekt her, das ich hier verfolge. Da gibt es im Epilog eine längere Stelle, die ich zitieren möchte. Der Kontext ist seine Erörterung der sozialen Konstruktion von Gedächtnis.
„Der Blick zurück geht von der gegenwärtigen Politik aus. Sie ist entscheidend dafür, wie man über die Mechanismen der Herrschaft und Unterwerfung, aber auch über die Reformierungen des Selbst nachdenkt, die aus einem Widerstand entstanden sind, der sich über sich selbst bewusst sein kann oder aber bloss in einer Alltagspraxis gelebt wird. Es sind diese politischen Rahmungen der jeweiligen Gegenwart, die zu einem grossen Teil darüber bestimmen, welches Kind man gewesen ist und welche Kindheit man erlebt hat.
Wenn aber das individuelle Gedächtnis vom kollektiven Gedächtnis der Gruppe bedingt ist, der man angehört oder mit der man sich identifiziert und zu deren Bestehen man dadurch beiträgt, dann muss man umgekehrt auch beachten (…), dass ein Individuum immer mehreren Gruppen angehört, sei es gleichzeitig oder nacheinander. Manchmal überschneiden sich diese Gruppen, sie entwickeln sich und sind permanent in Bewegung. Deshalb ist das „kollektive Gedächtnis“ – und mit ihm die individuellen Gedächtnisse und Vergangenheiten – nicht nur plural verfasst, sondern historisch auch veränderlich.“ (Didier Eribon. Rückkehr nach Reims. 2016. eBook – Epilog/2)
Diese Stelle hat einige Gedanken hervorgeholt. Bei einem meiner Besuche bei Constantin anfangs Dezember – oder war es schon Ende November? – die Tage zu Ende Jahr verklumpen bereits in meiner Erinnerung durch ihr schicksalsschweres Gewicht – konfrontierte mich die Leiterin der Abteilung im Altersheim, wo Constantin lebt, mit ihrem dringenden Anliegen, ihn in eine spezielle Alzheimer-Klink zu verlegen. Sie haben ihn bereits auf die Warteliste setzen lassen. Für das Altersheim ist das eine technische Angelegenheit und insofern nachvollziehbar, als dass sie über zu wenig Personal verfügen, um den Bedürfnissen von Bewohnern mit Alzheimer gerecht zu werden. Das Hauptargument ist die Sicherheit, denn offenbar ist Constantin zwei oder dreimal verschwunden und sie mussten ihn suchen. Einmal ist er dabei gestürzt und hat sich den Kopf angeschlagen. Sie befürchten, dass wenn es ihm gelänge, auch weiterhin zu verschwinden, er womöglich hinaus in Kälte geraten könnte, was natürlich im Winter lebensgefährlich ist.
Das Gedächtnis ist womöglich nicht einfach das, was in unserem Hirn gespeichert ist, sondern es ist vielmehr eine aktive Interaktion mit unserer Umwelt. Alte Menschen aus ihrer Umgebung herauszureissen, um sie in ein Wohnheim zu stecken, wo sie mit anderen alten Menschen zusammenleben, die ebenso aus ihrer Umgebung herausgerissen wurden, ist in jeder Hinsicht, aber im Besonderen hinsichtlich des Gedächtnisses ein völliger Unfug und wenn man bedenkt, dass man im Alter ganz wesentlich das ist, was man durch die Zeit wurde, ist das Gedächtnis mitunter eine zentrale Qualität. Ich habe ganz zu Beginn in einem meiner ersten Blogbeiträge das Zimmer beschrieben, wo Constantin jetzt wohnt. Es sind ein paar wenige Bilder, vier Möbelstücke und vielleicht drei oder vier Erinnerungsobjekte, die er dahin mitnehmen konnte. Seit einiger Zeit beobachte ich bei meinen Besuchen, dass die drei Fotoalben aus seiner Kindheit und Jugend, die er mitgenommen hatte, immer wieder an anderen Orten liegen, das heisst, dass er sie anschaut. Wenn ich eines der Alben aufschlage und ihn nach einer Fotografie frage, stelle ich fest, dass er sich durchaus „erinnert“, auch wenn es ihm nicht gelingt, diese Erinnerung sprachlich kohärent auszudrücken. Im Alter verkleinert sich der Radius. Das kann man bei Haustieren gleichermassen beobachten. Meine Katze Josephine (sie starb 19jährig 2013) reduzierte ihre Spaziergänge und die Aufenthaltsorte immer mehr. Die letzten Wochen beschränkte sie sich auf die Küche, die Stube und die Terrasse vor der Stube. Stellt man sich nun vor, dass ein solches Wesen, Katze oder Mensch, aus jener Mitte, die den kleiner werdenden Radius bestimmt, herausnimmt und es woanders hin verpflanzt, dann sind sämtliche Bezüge aufgelöst, zerstört, die Verbindungen sinnlos. Constantins Alzheimer ist eigentlich erst im Altersheim akut geworden. Der Kreisel dreht nicht mehr um ein Zentrum. Wenn er heute spricht, ergibt kein einziger Satz mehr einen Sinn. Durch die Versetzung aus der selbst geschaffenen Umgebung in eine sterile Wohnmaschine, haben sich die meisten räumlichen Bezüge, die Verbindungen zu Gruppen, also zu einem kollektiven Gedächtnis haben herstellen können, aufgelöst.
Ich möchte jetzt den Anfang des Zitats aus Eribons Buch als Anlass nehmen, Constantins Erinnerungen an seine Kindheit, so wie er sie mir mitgeteilt hat, zu rekonstruieren. Dabei kann ich mich auf meine Notizen beziehen, leider aber kaum mehr auf Objekte aus seiner Wohnung, Erinnerungsstücke, die er beim Erzählen zeigte, oder Hinweise darauf gab, weil diese „Erinnerungslandschaft“ verloren ist.
„Es sind diese politischen Rahmungen der jeweiligen Gegenwart, die zu einem grossen Teil darüber bestimmen, welches Kind man gewesen ist und welche Kindheit man erlebt hat.“ Die politische Rahmung, in die hinein Constantin geboren wurde, ist das Ende der 20er Jahre. 1929 – das ist das Jahr mit diesem wunderbaren Sommer, den Stephen Spender in seiner frühen Novelle „The Temple“ beschrieben hat, als sein Alter Ego, der junge Oxford-Student Paul nach Deutschland gelangt und hingerissen ist von der Schönheit und Lebendigkeit der jungen Deutschen, vom Hedonismus und der Weltoffenheit dieses wunderbaren Landes… – Der Umschlag der erst fünfzig Jahre nach seiner Niederschrift veröffentlichten Erzählung ziert eine Fotografie von Herbert List, dem grossen Fotografen jener Zeit und diese Fotografie zeigt einen Jüngling, der bis zu den Knien im Wasser eines Flusses, wahrscheinlich des Rheins steht. Ihm, W. H. Auden und Christopher Isherwood wurde dieses Buch gewidmet, drei grosse Figuren, die für eine intellektuelle Biografie eines schwulen Mannes im 20. Jahrhundert zentral sind. Ihre Bücher packte ich in Kisten, als ich Constantins Wohnung vor drei Jahren auflösen musste. Irgendwann wird jemand anders meine Bibliothek auflösen und diese Titel ebenfalls in eine Kiste packen. Ob derjenige, der das tun muss, einst auch jedesmal in diese Bücher hineinblättert, um sich an die eigene Lektüre zurückzuerinnern?
Constantin ist anderthalb oder zwei Jahre alt, als die junge Familie Paris wieder verlässt und nach Prag zurückkehrt. Die Gründe sind unklar, aber die „politische Rahmung“ lässt erkennen, dass der Vater womöglich nicht jenen Anschluss in Paris fand, den er suchte. Er war ein „Weisser“. Vielleicht war ihm das russische Flüchtlingsmilieu in Paris zu wenig „weiss“, also zu wenig radikal antikommunistisch. Aber dann war da die Familie der Mutter in Prag. Sie hatte zwei Schwestern, auch die Eltern lebten noch. Die Mutter suchte für ihr Kind einen sicheren Hafen und realisierte irgendwann, dass ihr Mann, der perfekt Hochdeutsch sprach, möglicherweise seine schweizerische Abstammung aktivieren konnte. 1934 oder 1935 gelangen die Familie Zuppiger, Vater, Mutter und Constantin in Zürich an. Das Bürgerrecht wird anerkannt. Sie können bleiben und der Vater findet sehr schnell eine Stellung bei der Niederlassung des deutschen Chemieunternehmens AGFA. Constantin erzählte mir, dass ein erstes Foto ihn mit einer Holzeisenbahn und Puppen zeigt. Ich habe es noch nicht entdeckt, aber ich habe drei andere Bilder gefunden, die ihn im Alter von etwa zwei bis drei Jahren abbilden.

Die Bewegung des Sandes…

Kommen wir nun zum Dualismus: Der Dualist behauptet eine zweite Wirklichkeit, weil er dem Materialisten zunächst recht gibt in seinem Reduktionismus bis zu dem Punkt, wo der Fehlschluss offensichtlich wird. Während der Materialist behauptet, dass das Universum vollständig aus physischen Partikeln besteht, die sich in Kraftfeldern befinden und sich zu Systemen organisieren, – was höchstwahrscheinlich unwiderlegbar richtig ist, behauptet der Dualist, dass es nicht reduzierbare mentale Phänomene gibt – mithin das Bewusstsein – womit er evident recht hat, denn hätte er nicht recht, würde ich das hier nicht schreiben und du würdest es nicht lesen und dabei die Stirn runzeln. Nun macht aber der Dualist gleichermassen einen Fehlschluss, wie der Materialist. Der Dualist schliesst aus dem oben beschriebenen Sachverhalt, dass es zwei getrennte Sphären geben muss, zwei Wirklichkeiten, eine physikalische und eine mentale, nicht-materielle Wirklichkeit. Letzteres nun mit logischen Mitteln zu widerlegen, ist etwas schwieriger – aus logischen Gründen, denn es ist schwieriger die Nichtexistenz von etwas nachzuweisen, das als existent postuliert wird, als umgekehrt die Existenz von etwas zu beweisen, das als Nichtexistent behauptet wird, obwohl es existiert. Dieses logische Problem macht uns allerorten und zu allen Zeiten allergrösste Probleme. Angst ist an sich kein logisches Problem, denkt man – Angst sei in erster Linie ein psychisches Problem. In der Tat aber ist das, was man in der Psychologie als Angst bezeichnet nie die Furcht vor etwas, das tatsächlich existiert und gefährlich ist, sondern stets die Furcht vor etwas, was als existierend geglaubt, aber in Wirklichkeit nicht existent ist. So gesehen ist Angst ein logisches Problem. Ich werde nun versuchen, Searles Argument gegen den Dualismus zu erläutern. Wohlgemerkt bleiben wir hier auf dem Boden der Wissenschaft! Wenn Searle vom Dualisten spricht, dann immer von einem, der die Regeln der Wissenschaftlichkeit und die wissenschaftlichen Erkenntnisse per dato anerkennt, also nicht von Irrationalisten oder beschränkt Gebildeten, die Dinge glauben, deren Existenz bisher nicht nachgewiesen wurde oder gar Dinge behaupten, die faktisch inexistent sind, bzw. kontrafaktische Behauptungen aufstellen. Also: man kann sich womöglich ein Universum vorstellen, in dem der Mensch nicht, oder in dem gar kein Leben, wie wir es bisher zu beschreiben gelernt haben, vorkommt. Das ist sehr einfach vorzustellen, man muss nur sämtliche existierenden Atomwaffen gleichzeitig in der Vorstellung explodieren lassen und schon hat man einen weitestgehend von lebendigen Wesen unterverseuchten Materieklumpen, der von einer dichten Staubschicht umgegeben ist und auf dem wahrscheinlich viele Millionen von Jahren keine nennenswerten lebendigen Existenzformen mehr anzutreffen sind. Trotzdem wird dieses Universum nach den bisher bekannten Gesetzen weiter existieren. „Es ist also logisch möglich, dass das physische Universum exakt genauso sein könnte, wie es ist, Atom für Atom, nur ohne Bewusstsein.“ (Searle, S. 139) Das Umgekehrte ist allerdings weit schwieriger vorzustellen, schlechterdings deswegen, weil es logisch unsinnig ist, nämlich sich ebendieses Universum Atom für Atom so vorzustellen, ohne dass sämtliche seiner physischen Eigenschaften genauso sind, wie sie sind (vgl. Searle, S. 140) Stellen wir uns also ein vom Bewusstsein befreites Universum vor, beschreiben wir physikalische Tatsachen, einfach ohne Bewusstsein. Wo aber steckt nun das Bewusstsein in der gesamten physikalischen Wirklichkeit des Universums, wie es ist? Der Dualist behauptet nun, dass das Bewusstsein etwas ist, was jenseits der physikalischen, materiellen Wirklichkeit existiert, also müsste das Bewusstsein auch dann existieren und als solches wirken, auch wenn jegliche physikalische Grundlage, nämlich jene komplexe Organisation von Atomen, die über die Jahrmillionen Gehirne haben wachsen lassen, die Bewusstsein und mittels eines Systems von Zeichen Sprache haben entwickeln können, nicht mehr vorhanden wäre. Noch bevor das nun logisch ausgehebelt wird, spürt man die mangelnde Evidenz eines solchen Konzepts: Der Dualist negiert in seiner Behauptung nicht nur die Naturgesetze, sondern auch das Bewusstsein selbst, indem er ihm seinen eigentlichen Gegenstand, nämlich die lebendige Existenz nimmt. Wie soll ein Bewusstsein existieren, wenn es nichts gibt, worüber es sich bewusst sein kann?!
Der logische Hebel liegt im Gedankenexperiment selbst: indem wir uns ein Universum vorstellen, indem es kein Bewusstsein geben soll, beschummeln wir die physikalischen Tatsachen, nämlich unser Vorhandensein als vorstellende, bewusste Existenzen. Wenn A die Voraussetzung ist, dass B sein kann, können wir uns zwar ein A ohne B vorstellen, aber kein B ohne A. Wenn es ein Universum gibt, das Wesen ermöglicht, die Bewusstsein haben, dann können wir uns umgekehrt keine Wesen vorstellen, die irgendwo und irgendwie sind, aber nicht in einem Universum, weil es dieses nicht (mehr) gibt. Ich glaube, Searle sagt das einfacher, als ich es zu erklären versuchte: „Ob ein Sachverhalt logisch möglich ist oder nicht, hängt davon ab, wie man ihn beschreibt. Ist es logisch möglich, dass es im Universum physische Partikel ohne jedes Bewusstsein gibt? Die Antwort lautet: Ja. Aber wenn die Bewegungen der physischen Partikel genauso ablaufen, wie sie es tatsächlich tun, und die Naturgesetze gelten, die, neben vielem anderen diese Bewegungen determinieren, dass sie Bewusstsein verursachen und realisieren, ist es dann möglich, dass kein Bewusstsein vorhanden ist? In diesem Fall lautet die Antwort nein. (…) Die Dualisten haben die Vorstellung, die Partikel der Mikrophysik seien wie winzige Sandkörner, die von unabhängigen Kräften bewegt werden, und sie können sich die Bewegung des Sandes ohne irgendwelches Bewusstsein vorstellen. Aber dieses Bild ist falsch. Auf der fundamentalsten Ebene konstituieren die Kräfte, die von den Naturgesetzen beschrieben werden, die Punkte von Masse/Energie. Aus diesen Naturgesetzen folgt die Existenz von Bewusstsein als logische Konsequenz, genauso wie daraus die Existenz jedes anderen biologischen Phänomens folgt, etwa Wachstum, Verdauung oder Vermehrung.“ (S. 140-141)
Fassen wir das etwas zusammen: der Materialismus versucht alle Phänomene auf physikalische Ereignisse zu reduzieren. Nicht reduzierbare, subjektive Zustände von Bewusstsein oder Aufmerksamkeit gibt es nicht. Das ist evident Unsinn.
Den Dualismus zu widerlegen, ist schwieriger. Searle nennt – ebenfalls zusammenfassend – folgende drei Hauptargumente:
1. Niemandem sei es je gelungen, eine verständliche Erklärung der Beziehungen zwischen den „zwei“ Bereichen der Physik und der Metaphysik zu geben.
2. Diese beiden Bereiche zu postulieren wäre überflüssig. Es sei möglich, alle Erste-Person-Tatsachen und alle Dritte-Person-Tatsachen zu erklären, ohne zwei verschiedene Bereiche zu postulieren.
3. Zwei verschiedene Bereiche zu postulieren schaffe nicht hinnehmbare Schwierigkeiten. Es würde nach dieser Auffassung unmöglich zu erklären, wie mentale Zustände und Ereignisse physische Zustände und Ereignisse verursachen. (Vgl.: S. 143)

Nun kommt etwas, das mich trotz der vermeintlichen „Kälte“ von Searles Argumentation, gerührt hat. Das funktional beste Argument für den Dualismus, das freilich seine philosophische Berechtigung keineswegs wieder herstellt, ist der von ihm ausgehende Trost! Searle schreibt abschliessend hinter seine Dekonstruktion von Materialismus und Dualismus folgendes:
„Beachten Sie bitte, dass der Dualismus auch trotz dieser Argumente noch eine logische Möglichkeit bleibt. Es ist logisch möglich, wenn auch, wie ich glaube, extrem unwahrscheinlich, dass unsere Seelen weiterleben werden, wenn unsere Körper zerstört sind. Ich habe nicht versucht zu zeigen, dass das unmöglich ist (ich wünschte sogar, es wäre wahr), sondern nur, dass es unvereinbar mit so ziemlich allem anderen ist, was wir darüber wissen, wie das Universum funktioniert, und deshalb ist es irrational, daran zu glauben.“ (S. 143)
Ich werde auf diese Irrationalität zurückkommen müssen.