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#Stichwort: Auswanderung – Einwanderung

Sie geben mir das Begriffspaar ‚Einwanderung – Auswanderung‘ als Stichwort für einen philosophischen Blog. Das ist eine ungewöhnliche Aufgabe. Wir verbinden mit dem Phänomen der Migration ja vor allem politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte, weit weniger die Frage von Wahrheit. Aber klar: das politische, wirtschaftliche und soziale Feld wird in der Tat ideologisch bearbeitet, gepflügt gewissermassen, um darin die ideologische Saat aufgehen zu lassen. Lange dachte ich, dass es vor allem nationalistische Populisten seien, die sich dieses Themas bedienten, aber schauen wir genauer hin! Wo Kräfte wirken, wirken Gegenkräfte; wo Macht aufgebaut wird, entsteht naturgemäss Gegenmacht. Das ist eine physikalische und eine psychische Wirkungsweise. Ohne Gegenkraft verliert sich die Kraft, ohne zu unterdrückendes Subjekt erübrigt sich der Unterdrücker. Nun können wir fragen: entstand zuerst der ideologische Druck gegen die Migration oder drückte die Migration die im Nationalismus gebundenen Kräfte so, dass sie sich neu formierten? Eine solche Analyse sprengte diesen Rahmen, aber die Frage sei gestellt.
Das Begriffspaar ist – im Gegensatz zum – scheinbar – überideologischen Begriff der Migration – gebunden an das Faktum von Grenzen. Ein-wandern und aus-wandern kann man nur in Bezug auf ein Behältnis, das ein Ein und Aus zulässt. Bei etwas Offenem, Unbegrenztem spricht man nicht von Ein- oder Auswandern. Die Grenze begrenzt, was wir in klassischer politischer Lehre als Staat bezeichnen, welcher sich definiert durch das Staatsgebiet, das Staatsvolk und die Staatsverfassung. Nur ein Gebilde, das ein umgrenztes Gebiet hat und dessen Bewohner sich eine auf dieses Gebiet bezogene Verfassung gegeben haben, gilt als Staat im völkerrechtlichen Sinne. Darüber hinaus braucht dieses Gebilde zusätzlich die formelle Anerkennung anderer, bereits anerkannter Staaten. So weit so gut. Einwanderung und Auswanderung findet dann also statt, wenn eine solche Staatsgrenze überschritten wird, zum Zwecke, dass die wandernden Subjekte sich dies- oder jenseits solcher Grenzen dauerhaft niederlassen. Hier taucht ein erstes – auch philosophisches – Problem auf, das begrifflich erschlossen werden kann. ‚Wanderung‘ ist die Bezeichnung einer Bewegung, eines Prozesses, wo ein Wesen sich bewegt und nämlich nicht unwillkürlich, sondern gerichtet. Sprechen wir von Einwanderung, dann entsteht aber – unwillkürlich – ein Widerspruch: durch das Ein-Wandern kommt diese Bewegung im Innern des Behältnisses zu einem Stillstand. Die Bewegung des Wanderns endet mit dem Einwandern im Bereich, wohin eingewandert wurde. Beim Auswandern ist es umgekehrt: Das Auswandern bezeichnet eine in der Ruhe des Hierseins beginnende Bewegung ins Hinaus zu etwas ausserhalb des Hiesigen, wobei ein Ziel nicht zwingend klar gegeben sein muss. Diese gegensätzlichen Bewegungen müssen wir zunächst getrennt untersuchen.
Einwandern: Das Subjet, das einwandert, überschreitet die Grenze zu dem Zielraum seiner Einwanderung. Der Zielraum ist das Staatsgebiet. Das ist die physische Realität. Schwieriger wird es, wenn man die soziale und politische Realität unter die Lupe nimmt. In der Tat kann eine physische Einwanderung stattfinden, ohne dass eine soziale und eine politische Einwanderung erfolgt und hier liegt das Problem der Spannung. Die sozialen und politischen Grenzen, die das Staatsvolk mit seiner Staatsverfassung konstituiert, sind weitaus komplexere Grenzen, als die geografischen, die mittels Zäunen und Mauern befestigt werden können. Die politischen Grenzen sind meist leichter zu überwinden als die sozialen. Das Wesen der sozialen Grenzen liegt in der Komplexität des Begriffs des Staatsvolks. Gemeinhin ist die Sprache der äussere Wall, dann kommen sichtbare und unsichtbare Differenzen in der Erscheinung, der Mimik, Gestik, des Verhaltens, kurz der gesamten kulturellen Mentalität. In dieser kulturellen Mentalität liegt gewöhnlich auch der Schlüssel zur Integration der eingewanderten Subjekte. Von den Meinungsmachern wird die Integration als eine eingeforderte Leistung und Leistungsbereitschaft der Einwanderer definiert. In Wahrheit ist das eine wechselseitige Konstellation. Die Kultur des Staatsvolks muss eine Integration der Einwanderer ebenso sehr wollen und vermögen, wie die Einwanderer eine solche wollen und vermögen können müssen. Dieses Wollen und Vermögen des Staatsvolks Einwanderer in seinen Volkskörper zu integrieren, ist wesentlich abhängig von den Ressourcen. Ein kleines, sozial dichtes, ressourcenarmes Land wie die Schweiz hat naturgemäss eine hohe Integrationsschwelle, während grosse Räume eigentlich niedrigere Integrationsschwellen haben müssten. Aber daraus lassen sich keine soziologischen und politischen Schlüsse ziehen, dann in der beobachteten Wirklichkeit spielen weit mehr Faktoren mit. Die Schwierigkeit – im philosophischen Sinne – liegt in der zur Ruhe kommenden Dynamik. Wer einwandert, kommt aus einer Bewegung zu einem Ziel und erwartet dort das Ende seiner Bewegung, eine Ruhe, eine Beruhigung. Vielleicht fällt es älteren Menschen leichter einzuwandern als jüngeren, während jüngere Menschen leichter auswandern.
Auswandern: Das ist eine Bewegung, die von einem Raum, meist als Heimat bezeichnet, in einen für den Auswandernden offenen Raum führt. Er mag ein Ziel haben, doch dieses Ziel ist naturgemäss nicht das Ende einer Bewegung, einer Dynamik, sondern eine grosse Ungewissheit, die Erwartung von Neuem, von Veränderung, etwas Dynamisches. Auswandern ist in unserer mitteleuropäisch verfassten Kulturgeschichte eher positiv konotiert. Es liegt eine romantische, eine abenteuerliche, auch eine heldenhafte Note darin. Man bedenke, dass die Säulen unserer Kultur, die Griechen, ihre Kultur ganz wesentlich aufs Auswandern in neue Räume gründeten, während sie umgekehrt Einwanderer recht strikte am Rande ihrer Gemeinschaften hielten, sie nur zurückhaltend, wenn überhaupt integrierten. Die helvetische und die athenische Demokratie haben hier durchaus Ähnlichkeiten in ihrer Exklusivität. Umgekehrt verhielten sich die Römer, die ihre Expansion kompensierten mit Integration. Die Römer sind nicht ausgewandert, sondern haben die „Einwanderer“, mithin die von ihnen eroberten Völker, verhältnismässig schnell und grosszügig assimiliert. Die römische Kultur ist daher eher vergleichbar mit der europäischen Union, die bis vor kurzem Einwanderer im Prinzip niederschweflig integrierte. Damit gleiten wir aber schon ab ins Soziologische, Historische und Politische.
Philosophisch interessant und weiter zu bedenken ist die gemischte Psyche des Auswanderers, der im neuen Raum ein Einwanderer ist, bzw. des Einwanderers, der in Bezug auf seine Herkunft ein Auswanderer war. Die widerstreitende Bewegungsform – Aus- und Einwandern – konfligiert im wandernden Subjekt und emergiert zusätzlich als die ins Innerpsychische verlegte Grenze, die den geografischen, sozialen und politischen Aussenraum auch nach innen, in die innere Erfahrung des Subjekts verlegt. Diese innere Spannung überträgt sich unschwer auf das Umfeld und ist, neben allen anderen Aspekten, den wirtschaftlichen, den sozialen und den politischen, die Problematik des Phänomens.

#Stichwort: Medien

Konfrontiert mit einem Stichwort, das so allgemein und so spezifisch ist, wie „die Medien“ greift der Philosoph zunächst zum ‚Wörterbuch der historischen Begriffe der Philosophie‘ und findet unter ‚Medien, Medium‘ – nichts. Das ist überraschend. Und auch wieder nicht. In der Zeit, als die für dieses Wörterbuch relevanten Begriffe gesetzt und gesammelt wurden, also in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, unterschied man noch zwischen Zeitungen, Radio und Fernsehen. Es waren gerade drei charakteristische Kanäle, die Öffentlichkeit konstruierten. Diese technische Unterscheidung, die auch eine wesentliche, also eine dem Wesen nachgehende, bzw. vorausgehende Unterscheidung war, ist heute höchstens noch als phänomenologische Gedankenspielerei von Bedeutung, aber nicht mehr in der kritischen Analyse des damit gemeinten Gegenstands. Doch hier wird es bereits schwierig, denn was ist der Gegenstand der Medien? Was meinen wir, wenn wir dieses Wort verwenden? Manchmal meinen wir einen ganz bestimmten Kanal, ein einzelnes unter einem bestimmten Namen firmierendes Medium wie zum Beispiel das Schweizer Fernsehen oder die ‚Washington Post‘. Ein anderes Mal meinen wir alle Formen von redigierter Einbahnkommunikation: also alles, was von Einzelnen oder wenigen in konkreter und professioneller Absicht an viele über einen Medienkanal publiziert wird und ein weiteres Mal fassen wir schlicht alles darunter, was irgendwie technisch Informationen transportiert, also vom klassischen Brief bis zum interaktiven Video mit VR- oder AR-Anbindung, inklusive der entsprechenden Geräte und den dahinter funktionierenden Technologien.
Nun muss man fragen: kann man überhaupt und in philosophischer Hinsicht über Medien sinnvolle Aussagen formulieren, wenn der Begriff so unbestimmt ist? Man kann. Aber nur, wenn man mit einer Methode arbeitet, die es erlaubt, sich einem Begriff zu nähern, der zunächst nur ein Begriff für ein ganzes Feld, ein Netzwerk von Bedeutungen und Zusammenhängen ist, mithin etwas Bewegliches, sich Bewegendes.
Zunächst sammeln wir Enthaltenes, das wir mit-meinen, wenn wir von ‚Medien’ sprechen: Töne, Stimmen, Bilder, Filme, Texte, Kontexte, Information, Manipulation, Kommunikation, Geräte, Programme, Funktionen, Technologien, Medienhäuser, Kanäle, Wirkungen, Reaktionen, Neuigkeiten, Hintergründe, Ereignisse, und irgendwann auch: Fakten, Wirklichkeit, Wahrheit und entsprechend Meinung, Schein, Verschleierung, Lüge, schliesslich Macht. Fällt Ihnen etwas auf? Ich habe Menschen nicht erwähnt in dieser Aufzählung, obwohl ja Menschen Medien machen: Verleger, Journalisten, Reporter, Texter, Werber, Zuhörer, Zuschauer, Leser, Konsumenten usw. Aber die Menschen liste ich nicht auf, denn das Wort ‚Medium‘ heisst: ‚dazwischen‘. Die Medien sind zwischen uns Menschen und auch zwischen denjenigen, die die Medien machen, denn sie selbst sind nicht das Medium und vielleicht ist ihr Machen mehr ein Produzieren – im lateinischen Wortsinn des Auf-die-Bühne- oder des In-den-Zirkus-Bringens (und der Circus maximus ist in römischer Zeit die grösste anzunehmende Öffentlichkeit).
Das Medium, das „Dazwischen“ also, konstituiert Funktionen, man könnte auch sagen: programmiert Rollen, als Akteure, als Regisseure, als Techniker, als Publikum, usw. Das Zusammenspiel der Funktionen um Ereignisse erzeugt das mediale Drama. Literarisch hatte Heinrich Böll mit seiner sehr bekannten Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ der schäbigen Wirklichkeit dieses „Spiels“ ein Denkmal gesetzt, das kaum an Aktualität eingebüsst hat. Die einzige Korrektur, der es bedürfte, ist, dass heute alles noch um einiges komplexer ist. Aber die Grundstrukturen bleiben erhalten. Was aber sind diese Grundstrukturen, die – wenn wir das philosophisch angehen – einzig interessieren?
Das Mediale ist systemisch zu begreifen. Das Mediale entwickelte sich ursprünglich stets um das Ereignis herum. Etwas geschieht. Das Geschehene wird berichtet und damit setzt sich der Prozess des Medialen in Gang. Früher ging das von Mund zu Ohr zu Mund, dann kamen Schriften hinzu, heute sind es multimediale Komplexe. Immer noch braucht es das Ereignis, um das sich wie Wellen ausbreitende System des Medialen in Gang zu setzen. Allerdings kann ein Ereignis völlig unbedeutend sein, und es gibt trotzdem eine massive Bewegung, oder das Ereignis kann schwerwiegend sein, aber es bewegt sich kaum etwas. Darüber, warum das eine oder das andere als mediales Ereignis auf ein reales Ereignis folgt, eine grosse oder eine kleine Welle oder gar keine, darüber gibt es keine bessere als die Chaos-Theorie. Die Kräfte, die die nicht lineare Dynamik in Bewegung setzen, sind meist die Gier nach Geld, nach Macht, oder verletzter Stolz und Ressentiment, während die dynamischen Kräfte, die chaotischen Verstärker der Sensationshunger, die Häme, die Schadenfreude des Publikums sind.
Am Anfang steht das Ereignis. Es wird von einem Zeugen berichtet. Dieser Bericht selbst kann noch vor-medial sein, oder er kann schon medialen Charakter annehmen, weil der Zeuge durch das Berichten für sich selbst Bedeutung und Anerkennung zu erhalten hofft. Das berichtete Ereignis affiziert die Zuhörer des Berichts und dieser Affekt springt als Zuwendung, als Anerkennung auf den Berichterstatter über. Dieser Grundzusammenhang ist elementar. Und hier setzt nun bereits das Problem der Wahrheit ein. Ein Ereignis, dessen Zeuge ich bin, erlebe ich aus einer bestimmten Perspektive und er-zeugt in mir eine entsprechende Wirklichkeit, die ich als Wahrheit nehme. Selbst wenn ich alles, was ich gesehen, so wiedergebe, wie ich es wahrgenommen habe, wird ein anderer Zeuge eine andere Perspektive haben und dasselbe Ereignis anders wahrnehmen. Das weiss die Polizei und das weiss der Journalist – beide sind – im Prinzip – der Wahrheit verpflichtet, aber diese Wahrheit ist bereits eine synthetische Wahrheit, die sich aus zusammengesetzten Zeugnissen ergibt. Hier entsteht die mediale Wirklichkeit als bedeutungsgeladenes Konglomerat aus Zeugnissen von Zeugen. Aus dem Ereignis – und wenn wir genau auf das Wort hinhören, hören wir den althochdeutschen Wortstamm des Eräugens, also des Sehens von Etwas heraus – und hören wir noch etwas genauer, hören wir: Zeugnis – „Eräugnis“ – und bemerken die Ähnlichkeit – wird etwas anderes: es wird zu einem Gegenstand der Kommunikation, etwas, das zwischen uns ist, eine Bedeutung von etwas, das gar nicht mehr ist, denn das Wesen des Ereignisses ist, im Moment, wo es zum kommunikativen Gegenstand wird, bereits – nicht mehr zu sein. Die Medien sind Ereignis des Vorübergegangenen, des zurückliegenden Ereignisses, eine Art Gegenwart der Vergangenheit.
Das grundlegende philosophische Problem im Medialen ist die zweifache und gegeneinander widersprüchliche Verfassung der Wahrheit. Das Zeugnis des Ereignisses ist die individuelle (also unteilbare) Wahrheit des Zeugen. Nun berichtet er mehreren. Dadurch wird das Ereignis transformiert in einen dramatischen, kommunikativen Kontext, in einem Bedeutungszusammenhang und dort erlangt die Wahrheit des Ereignisses eine andere Verfassung, denn diese Wahrheit ist diejenige, die von denen, die das Ereignis medial verarbeiten und jenen, die das konsumieren, verfasst. Das gilt auch dann, wenn die Geschichte über das Ereignis manipuliert wird.
Nehmen wir folgendes Ereignis als Beispiel:
A tötet B und C sieht zu. B ist also tot. A und C sind Zeugen des Ereignisses dieses Mords, A als Mörder-Zeuge, C als Publikum-Zeuge. As Geschichte wird ganz anders zu hören sein, als Cs Geschichte. Beide berichten nun D und E. D und E hören die Geschichten jeweils anders, weil das Ereignis bereits vorüber, bereits eine Geschichte ist. Nehmen wir nun an, A besteche C und biete ihm viel Geld, um seine Geschichte an die Geschichte As anzupassen. C wird fortan etwas anderes erzählen, als was er D und E erzählte. Nun entwickeln sich Varianten des medialen Ereignisses. F bemerkt diese unterschiedlichen Varianten. Nun fragt sich F, was wahr sei. Er möchte also das Anfangsereignis mit den Varianten abgleichen. Aber das Anfangsereignis besteht aus den zwei Perspektiven. Im Idealfall kann er die ursprünglichen Erzählungen von A und C rekonstruieren. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich die Geschichten dadurch, dass er nach der Wahrheit sucht, verändern, multiplizieren. Er wird selbst dann nicht mehr sicher sein, ob die ursprünglichen Erzählungen von A und C der Wahrheit entsprechen. Alles nun, was vom Moment an, als A und C D und E ihre Geschichten erzählen, ist medial. Wir sehen an diesem theoretischen Beispiel umgehend, wie sich die Wahrheit von A und C von der medialen Wahrheit unterscheiden. Nun geschieht noch etwas: Durch die Ausbreitung des dynamischen Feldes des medialen Ereignisses verändern sich auch die Erinnerungen von A und C. Sie werden von diesen Wellen erfasst und ihre Zeugnisse verändern sich. – Das ist übrigens der Grund für die isolierende Untersuchungshaft. Man versucht die Zeugen vor der unwillkürlichen Veränderung ihrer Erinnerung durch die Ausbreitung des Medialen zu be-„wahren“ (also isolieren). Die unmittelbare Wahrheit des Ereignisses ist im Medialen nicht mehr zu fassen. Daher könnte man nun sagen: kein Wunder, dass im Historischen Wörterbuch der Philosophie der Begriff ‚Medien‘ nicht abgehandelt wird, denn die Wahrheit des medialen Ereignisses ist – gewissermassen – die Lüge! Man kann nun deprimiert sich abwenden und sagen: die Medien lügen. Fake News! Aber damit machen wir es uns zu einfach. Man muss den medialen Begriff der Wahrheit anders fassen, als das Faktische des Ereignisses und akzeptieren, dass das faktische Ereignis zwar der Auslöser war, aber mit den Wirkungen des medialen Ereignisses wenig zu tun hat. Wollen wir – philosophisch – uns mit den Medien auseinandersetzen, müssen wir sie als das sehen, was sie sind und nicht als Ergebnis auslösender Ereignisse. Medien sind die Summe von Kommunikationen, die das konstituieren, was wir die Öffentlichkeit nennen. Sie produzieren erst die Wirklichkeit, die wir Öffentlichkeit nennen. Die Wahrheit dieser Wirklichkeit unterscheidet sich aber von der individuellen Wahrheit. Die Entstehung des Rechts ist dieser Wirklichkeit geschuldet. Das Recht ermittelt (höre: er-mitte-ln – also das fassen, was in der Mitte, also dazwischen ist) die Wahrheit der einzelnen Zeugen eines Ereignisses – das heisst, dass sie gewissermassen aus der Schnittmenge der Zeugnisse eine neue Wirklichkeit als Wahrheit etabliert. Das Perspektivische des Er-Äugnisses wird in die Mitte des öffentlichen Raums gestellt und wird so zum veröffentlichten, also medialen Ereignis. Natürlich ist nun dieses In-der-Mitte-stehen wiederum in der Erfahrung der Einzelnen perspektivisch. Ich sehe zwar in diese Mitte, aber von meinem Standpunkt aus. Aus diesem Grund sitzt der Richter erhöht, um einen „weniger“ perspektivischen, sondern einen mehr „göttlichen“ Gesichtspunkt einnehmen zu können. Im Unterschied nun zur gerichtlich ermittelten Wahrheit eines Ereignisses ist das mediale Ereignis die angenommene Perspektive von ganzen Gruppen. Medien erzählen uns die perspektivische Wahrheits-Wahrnehmung vorübergegangener Ereignisse von Gruppen, indem sie diese öffentliche Wahrheit aus dem medialen Kommunikationsprozess konstruieren.
Erinnern wir uns kurz an Noah Yuval Hararis drei Beschreibungen unserer Gattung: 1. Flexibilität, 2. Die Fähigkeit abstrakte Wirklichkeiten zu imaginieren und zu kommunizieren (Stories: Geld, Gerechtigkeit, Staat, etc.) und 3. Koopartionsfähigkeit in sehr grossen Gruppen.
Die letzten zwei sind auch die Ermöglichungsbedingungen der Medien und – gewissermassen – umgekehrt. Nun sind diese (die Medien) aber kulturgeschichtlich – sofern wir sie modern verstehen – recht jung. Natürlich war der Circus maximus eine Medienmaschine ohne gleichen, aber nicht vergleichbar mit der Wirkung der Erfindung der Druckverfahren durch Gutenberg. Die schnelle Verbreitung gedruckter Zeitungen und Bücher hat erst vor gut 500 Jahren eine abstrakte Öffentlichkeit geschaffen, die Emotionen und Wissen jenseits von konkreten Räumen multiplizierte und potenzierte. Um das, was wir die Medien nennen, sinnvoll zu denken und zu beschreiben, müssen wir womöglich die Philosophie der Geschichte radikalisieren: wenn wir von einem neuen Zeitalter sprechen, dann stehen wir an der Wende nicht in der Grössenordnung von Jahrzehnten oder Jahrhunderten, sondern von Jahrtausenden. Darin wären ‚die Medien’ das Nervensystem eines entstehenden superhumanen Organismus.

# Stichwort: Sexualität

 

Was ist das für ein Wort: Sexualität? Ist es, wo es doch etwas bezeichnet, was uns im Innersten betrifft, in unserer elementaren Lebendigkeit affiziert, ein seltsam spröder Begriff! Hören wir ‚Sexualität‘, denken wir doch sofort an Intimstes und dieses Affiziertwerden passt aber schlecht zu diesem Begriff, der so unscharf ist wie Religion oder Nation. Eigentlich ist das Wort ‚Sexualität‘ überhaupt nicht „sexy“ – wir erkennen unschwer seine Herkunft aus dem klinischen Kontext – es ist ein klinischer Begriff. In der Tat finden wir in der Geschichte der Philosophie auch nicht so viele Titel mit diesem Wort. Erst in den letzten Jahrzehnten schwappte eine Woge an Texten, Kongressen und öffentlichen Debatten vor allem in Amerika über das Bewusstsein der Gegenwart und hält mit der Gender-Thematik das politische Denken besetzt. Mit einer zungenbrechersichen Buchstabenfolge wird heute identitätsgeleitete Politik und Wissenschaftspolitik betrieben – teilweise notwendig, teilweise irreführend. Philosophisch müssen wir hier zuerst einmal etwas Ordnung machen:
Die Geschlechtlichkeit ist keine adäquate Übersetzung des allgemeinen Begriffs der Sexualität, obwohl es die naheliegendste ist. Denn das deutsche Wort ‚Geschlecht‘ ist beiderlei: Identifizierung der wesentlichen und primären Weise unseres Daseins zunächst, sei es als Frau oder als Mann und als solche sind wir – aus-gezeichnet – mit den Geschlechtsteilen – oder als dazwischen Unbestimmtes oder Verfügtes oder im Nachhinein als Differenz zu Verfügtem oder Gegebenem Gewähltes, aber dennoch wesentlich ursprünglich in der problematisierten Differenz zum Geschlechtsteil. Die Behauptung, das Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, bleibt dabei zunächst einmal so sehr eine Behauptung, wie die Behauptung der Existenz Gottes. Wir haben keine Möglichkeit, hinter die Gegebenheit des Geschlechts, also hinter die „Konstruktion“ zu denken – immer schon sind wir im Geschlecht und: in zweiter, ebenso ursprünglicher Bedeutung sind wir in der Herkunft auch immer Angehörige eines Geschlechts im Sinne der Herkunfts- oder Stammfamilie, selbst dann, wenn wir adoptiert sind. Die Geschichte der Literatur ist davon reich an Erzählungen. Hier wäre lange weiter zu denken entlang der Etymologien und kulturellen Unterschiede, zum Beispiel zwischen der französischen und der deutschen Sprache und weiter zurück zur lateinischen oder gar griechischen Fassung des Problems. Bemerkenswert immerhin: Es gibt den Mann und es gibt die Frau und das Geschlecht ist – grammatikalisch zumindest – ein Neutrum. (Bei solchen Feststellungen kommt mir Heideggers flapsige Bemerkung in den Sinn, wonach der mit dem Denken beginnende Franzose Deutsch lerne.) Immerhin sehen wir, welche Auswege der unscharfe Begriff bietet: er sammelt Bedeutungen.

Das Begehren ist ein zentraler Aspekt der Sexualität, aber füllt den Begriff nicht aus.

Die Erotik ist etwas anderes als Sexualität, aber die beiden Begriffe hängen zusammen.

Die Lust ist durchaus ein philosophischer Begriff, der auch eine Brücke zwischen Begehren und Erotik bildet. Vielleicht ist der Begriff der Sexualität so erfolgreich, weil alles in ihr enthalten ist: die Geschlechtlichkeit und das Geschlecht, das Begehren, die Erotik, die Lust, die Scham, aber auch der Ekel, die Gewalt, die Grausamkeit, die Macht…
Als einer der wenigen grossen und einer der ersten Philosophen setzte Michel Foucault diesen Begriff in den Titel eines seiner Werke, heute ein Schlüsselwerk zum Verständnis unserer Gegenwart: l’histoire de la sexualité ist eben gerade keine Geschichte der Sexualität im Sinne einer berichtenden Erzählung ihrer Formen und ihrer Praxis, sondern vielmehr, bzw. überhaupt eine Analyse über die Genese eines Begriffs und damit eine Erzählung über die Formen des Wissens und der Macht. Und nun hat dieses Werk selbst seine ungeheure Macht entfaltet. Der Diskurs unserer Moderne ist im Grunde das Ergebnis einer Analyse der Diskurse, doch das Wesen einer Sache verbirgt sich gern, sagte uns schon vor sehr langer Zeit Heraklit, und in der diskursiven Erschliessung selbst – Heraklit reloaded – verbirgt sich das Wesen umso mehr.

Eigentlich habe ich schon verworfen, was ich oben schrieb und wollte neu beginnen. Weshalb ich es doch so stehen lasse: Sexualität ist ein überaus geeignetes Wort, um daran eine Methode zu bewähren, die ich in den letzten Jahren zu entwickeln versuche. Phänomenologisch lässt sich der Begriff schwer erschliessen, auch hermeneutisch entgleitet er dem denkenden Zugriff und etymologisch gibt er viel weniger her, als was er heute alles enthält. Mit einem Verfahren, das ich philosophische Szenografie nenne, käme ich gut voran. Weil der Begriff so angefüllt ist mit Bedeutungen und Kontexten, lässt er sich am ehesten begreifen, wie man ein ganzes Theater begreift. Da gibt es ganz unterschiedliche Perspektiven, die zu je verschiedenen Erzählungen, Analysen, Urteilen, bzw. am Ende Wahrheiten führen. Wir können uns als Zuschauer dem Gegenstand widmen, als Akteure, als Regisseure, als Beleuchter, als Dramaturgen, usw. – und dann ist da immer noch das Drama selbst, die Komödie, kurz das Spiel, das sich uns in verschiedener Weise gibt, und stets neu und anders inszeniert werden kann. Wenn wir Sexualität wie ein Theater verstehen, bringen wir in ihrem Begriff unter, was er enthält und können die verschiednen Gehalte sinnvoll ordnen: die Geschlechter und ihre Ordnung, die Erotik, das Begehren, die Lust und selbst die Liebe.

Stichwort: Religion

Ich habe Sie um ein Stichwort für meinen nächsten Blogbeitrag gebeten. Also gut: Religion
Bestimmen wir zunächst die Begrifflichkeit.
Religion kommt vom lateinischen religio. Dieses Wort hat mannigfache Bedeutung. Es kann heissen: Rücksicht, Besorgnis, Bedenken, Gewissensskrupel, Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit, Sorgfalt und schliesslich das religiöse Gefühl, die Gottesfurcht und Frömmigkeit.
Unter Religion verstehen wir seit langem das Glaubensbekenntnis, das sich in einer sozialen Ordnung institutionalisiert hat. Bemerkenswert ist nun, dass der Plural, Religionen, voraussetzt, dass eine Pluralität der Glaubensbekenntnisse erkannt und anerkannt wird. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, denn der Begriff der Religion hat weder im indischen Sanskrit noch im Arabischen oder Chinesischen entsprechende Wortstämme oder Wortwurzeln. (Das heisst, dass es in diesen Traditionen eigentlich keine Pluralität von Glaubensbekenntnissen, bzw. „Wahrheit“ gibt, sondern nur eine Einzige.)
Wahrscheinlich sind wieder die Griechen schuld, denn durch die Entwicklung der griechischen Philosophie des 5. und 4. Jahrhundert differenzierte sich ein Wahrheitsbegriff des Wissens von einem Wahrheistbegriff des Glaubens. Die griechischen Philosophen begannen systematisch den Glauben zu hinterfragen. Aus heutiger Sicht meinen wir, dass sich das philosophische Denken gegenüber dem Glauben innert relativ kurzer Zeit etablierte. Die Sicht der Dinge hat womöglich wenig mit der seinerzeitigen Wirklichkeit zu tun. Nur der Elite war diese neue Sicht der Dinge überhaupt zugänglich. Nur Eliten konnten sich den Luxus leisten, den Glauben zu hinterfragen.
Es gibt die historische Dimension der Religion, die unerhört wichtig ist, denn in erster Linie sind die Glaubenssysteme verantwortlich für die Struktur von Gesellschaften. Religion ist zuallererst auch eine Weise des Wissens. Das Wissen, das ich aus dem Glauben schöpfe, ist zuerst und zuletzt individuell. Man könnte dieses Wissen auch Gewissheit nennen. Das philosophische Wissen hingegen ist kommunikativ und von daher auch immer bis zu einem gewissen Masse ungewiss. Es entsteht aus der Dialektik und der spezifischen Struktur der Sprache. In diesen beiden Spähren ist auch der Wahrheitsbegriff auf unterschiedliche und eigentlich unvereinbare Weise verfasst. Die religiöse Wahrheit ist grundsätzlich absolut. Die philosophische Wahrheit ist grundsätzlich relativ. Von der Spätantike bis zur Aufklärung machte sowohl die Philosophie, die in dieser langen Phase ihrer Geschichte keine eigene Disziplin sein konnte, als auch die Theologie einen unmöglichen Spagat. Was die Renaissance womöglich für die Kunst bedeutete, nämlich die Emanzipation der Schönheit von der Religion, war die Aufklärung für die Philosophie, nämlich die Emanzipation des Denkens von der Religion.

Religionen heute – das hat etwas von einem riesigen, verwesenden Kadaver, den man nicht übersehen kann, der wegen seiner Zersetzungsprozesse überaus gefährlich, der für die meisten noch gar nicht tot ist, bzw. die Meisten nicht wahrhaben wollen, dass dieses Ding tot ist, wie ein riesiger Wal, der nun als stinkendes Aas auf dem Strand liegt, auf dem man doch viel lieber sich unbeschwert hätte sonnen wollen im Lichte der Aufklärung, als sich vor Ekel die Nase zuhalten und sich abwenden zu müssen, während andere, die ihren Tod negieren, benommen vom giftigen Leichengas über den Strand torkeln und irre Dinge tun. Die Überreste der Religionen in ihren neo-fundamentalistischen Ausprägungen, seien es junge rasierte Christen oder alte, bärtige Moslems, sind ein Problem, im Allgemeinen. Gegen die Gewissheit, die der Gläubige zu haben behauptet, ist die dialektische und dialogisch entwickelte Wahrheit der Philosophie machtlos. Kein religiöser Mensch heute lässt sich noch auf eine logische und analytische Auseinandersetzung über die Existenz Gottes ein, weil er – dank der Philosophie weiss, dass er dagegen machtlos ist. Umso mehr beharrt er gerade auf jenem Prinzip der Individualität (oder platter: der religiösen Identität), das der Aufklärung zu ihrem Sieg verhalf: die Revolution frisst ihre Kinder!
Machen wir uns allerdings nichts vor! Die Wissenschaft, das wissenschaftliche Weltbild, wie es heute von Politikern, von Interessensvertretern und von Wissenschaftlern, die ihre Forschungsgelder beschaffen müssen, vertreten wird, ist der Struktur der Religion vergleichbar. Es sind sehr ähnliche Mechanismen, die die wissenschaftlichen Seilschaften von Hochschulen und dem internationalen Wissenschafts-Establishments bestimmen, wie jene, die einst (und heute noch immer) die Kirche im Besonderen und die Religionssysteme im Allgemeinen zu den kulturbestimmenden Wissenssystemen machen. Die Wissenschaft selbst hat heute den Status einer Grossreligion. Deswegen ist die Philosophie so wichtig, besonders jene zwei Zweige, den wir die Philosophie der Wissenschaft und die Bewusstseins-Philosophie bezeichnen, denn hier liegen die Probleme der sich quasi-religiös gebärdenden Wissenschaften und ihrem totalitären Anspruch offen ausgebreitet. Das ist ihre Achilles-Ferse.

Was ist Wahrheit?

Vor ein paar Wochen – wir verfolgten das Gespräch von Michel Friedman mit Markus Gabriel (nachzusehen auf YouTube) über eben diesen Gegenstand, richtete jemand von Ihnen kurz vor Lektionsschluss die Frage an mich, was denn Wahrheit für mich bedeute? Es blieb mir nur noch ganz kurze Zeit, zwei oder drei Sätze dazu zu formulieren. Die Philosophie beschäftigt sich schlechthin mit diesem Problem und über alle Zeit und da ich irgendwann in meiner frühen Jugend bemerkte, dass es für mich wahrscheinlich kein grösseres Abenteuer geben kann, als das Denken selbst, beschäftige auch ich mich seither damit: diese Beschäftigung ist aber noch weit selbst von einer vorläufigen Antwort entfernt, womit ich Ihnen höchstens andeuten kann, wo ich derzeit damit stehe. Der Einfachheit halber könnte ich das den Sachverhalt verdunkelnde, aber mir fast wie ein Heraklit-Wort liebe Zitat von Heinz von Foerster vortragen: Die Wahrheit ist eine Erfindung eines Lügners. Dieses Zitat ist übrigens auch der Titel eines sehr lesenswerten Büchleins des grossen Theoretikers des Konstruktivismus. Nun ist das gar nicht so einfach, diesen ..ismus auf den Punkt zu bringen. Es geht dabei um die Erkenntnistheorie und dieser liegt die Frage zu Grunde, wie wir überhaupt etwas erkennen können. An dieser Frage haben sich die Grössten der Philosophiegeschichte, ganz besonders Platon, Aristoteles, Thomas, Descartes und schliesslich Kant abgearbeitet.
Kant hatte das Projekt vorerst abgeschlossen und bereinigt. Eigentlich gelten wichtige Erkenntnisse des Königsberger Philosophen auch heute noch. Allerdings hat die empirische Psychologie und noch weit mehr die Hirnforschung und Kognitionswissenschaft im 20. Jahrhundert uns wichtige neue Fakten geliefert. Umberto Maturana und der früh verstorbene Francisco J. Varela haben entscheidende Schlüsse daraus für die Erkenntnistheorie formuliert.
Worum geht es dabei? Kant hat aufgezeigt, dass das Erkenntnisvermögen letztlich auf zwei Prinzipien beruht, die ineinander verschränkt sind: der sinnlichen Anschauung, oder einfacher, der Erfahrung, der wir als Sinnenwesen fähig sind und der Verstandeskategorien, diese Erfahrungen überhaupt machen und verorten zu können. Kant nennt das die Kategorien.
Der Sprung zum Konstruktivismus liegt nun darin, dass die Hirnforschung erkannt hat, dass unsere Sinnesorgane, also das Sehen, Hören, Riechen, etc. keine rein rezeptiven Instrumente sind, sondern so mit der Gesamtheit unseres Leibes verbunden, dass sie selbst konstruktiv sind. Es kommen also nicht einfach Lichtstrahlen auf unser Auge, das diese als Reiz verarbeitet und im Hirn dann daraus ein Bild zusammensetzt, sondern die Verkoppelungen sind derart komplex, dass ein Auge eben in einem bestimmten Moment etwas ganz Bestimmtes und nur dieses sehen kann, weil der Organismus im Ganzen bereits darauf gerichtet ist, wahrzunehmen, was er als für seine Existenz in diesem spezifischen Augenblick konstitutiv „erfordert“. Sehr vereinfacht formuliert, heisst das, dass der Organismus permanent die Wirklichkeit für sich selbst konstruiert und mit seiner Umwelt abgleicht. Die mechanistische Erklärung von Reiz und Reaktion würde zu einer höchst rudimentären, wenn nicht sogar grundfalschen Erkenntnistheorie führen.
Ich habe schon 1992 angefangen, mich mit dem Werk von Maurice Merleau-Ponty auseinanderzusetzen, der bereits in den 40er Jahren mit seiner ‚Phänomenologie der Wahrnehmung‘ die (philosophischen) Grundlagen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie legte und wenn man nun in ähnlich extremer Verkürzung seinen Ansatz auf den Punkt bringen möchte, könnte man sagen: Die Wahrheit liegt im Leib. Die Verbindung ergibt sich über einen weiteren Theorieansatz, der mein Denken massgeblich beeinflusste, nämlich die Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Die Systemtheorie ist eine soziologische Grosstheorie, die unsere Wirklichkeit nicht mehr in den herkömmlichen Begriffen von Mensch, Sprache, Verstand, Macht, Glück, Wahrheit, etc. beschreibt, sondern ein weitgehend neues Vokabular entwickelte, um die Irrtümer und Missverständnisse der Philosophiegeschichte zu überwinden: wiederum extrem verkürzt: Menschen sind Systeme in Systemen. Systeme interagieren mit ihrer Umwelt über Kommunikationen. Systeme sind selbstreferentiell und prinzipiell selbsterhaltend, das heisst: sie wollen bestehen, wachsen und speisen sich zu ihrem Selbsterhalt aus einer Mischung von Rückkoppelung und Informationsverarbeitung von Umweltinformationen.
Was heisst das für die Wahrheit? Wahrheit ist so gesehen eine Funktion der Systemerhaltung, denn wenn das System nicht über eine Differenzierungsmöglichkeit von wahr/falsch verfügt, riskiert es die Vernichtung. Wahrheit ist also in systemtheoretischer Hinsicht eine systemerhaltende Funktion. Womöglich leuchtet Ihnen nun schon der Satz von Foerster etwas mehr ein, denn Systeme brauchen auch die Lüge als Funktion und streng genommen können wir nicht erkennen, was ausserhalb des Systems, in welchem wir selbst sind, als Wahrheit und Lüge identifiziert werden kann (wie ist es, eine Fledermaus zu sein?)
So weit so gut. In einem Blog kann man freilich nicht tiefer gehen, sofern er noch nachvollziehbar sein soll. Mein Denken am Nachhaltigsten beeinflusst haben allerdings nicht die Konstruktivisten und Systemtheoretiker, sondern das Denken des schlecht in Schubladen zu bringenden Georges Bataille und Michel Foucault. Foucaults Wahrheitsbegriff liegt mir womöglich am Nächsten. Er untersuchte die dynamischen Formen, wie sich Wissen und Macht bedingen und umschlingen. In seiner ‚Archäologie des Wissens‘ untersucht Foucault die Strukturen, die das, was wir schliesslich als ‚Wahrheit‘ erkennen, ermöglichen, jenseits des Subjekts, also des einzelnen Menschen, aber auch jenseits bestimmter Begriffe wie Gesellschaft, Herrschaft, Staat, Wissenschaft usw. Foucaults fundamentale Forschung bekommt ihre Wirksamkeit in der Einsicht der Wechselwirkung zwischen Strukturen und Veränderungen. Dadurch, dass sich alles stets verändert, diese Veränderungen aber asynchron sind, können Begriffe ihre Bedeutungen verändern, ohne dass wir uns dessen gewahr werden. Die „archäologische“ Geistesarbeit liegt nun darin, diese Ungleichzeitigkeiten und ihre Wechselwirkungen freizulegen.
Sie sehen: Sie bekommen keine eindeutige Aussage von mir, was nun Wahrheit sei. Aber definitiv halte ich eine Aussage, wonach es DIE Wahrheit gebe, für irreführend. DIE Wahrheit als kantische Kategorie, die aber inhaltlich leer bleibt: in Ordnung. Damit könnte ich – vorläufig – ruhig einschlafen, aber es wäre dennoch eine Art Schlafmittel. Wahrheit ist flüchtig und muss stets neu ermittelt werden. Der Begriff der ‚Ermittlung‘ ist tatsächlich in seiner kriminalistischen Heimat geeignet, zu illustrieren, was Wahrheit „sei“ – letztlich nur das je vorläufige Ergebnis einer Ermittlung, das heisst der Sammlung von Indizien, die die Wahrheit eines Sachverhalts bestätigen oder falsifizieren. Und Sie erinnern sich, dass ich Ihnen den Sachverhalt mit dem lateinischen FAKTUM erläuterte. Faktum ist – grammatisch – das Partizip von facere, also machen, also das Gemachte und das Gemachte ist letztlich immer eine Konstruktion.

Die Philosophie und der Tod

Vor sehr langer Zeit, ich glaube es war 1987, fand auf Lanzarote ein internationaler Kongress zu den Themen ‚Eros, Liebe, Sexus‘ statt. Das Besondere an dieser Veranstaltung war die Unterschiedlichkeit der Referenten. Da gab es Vertreter des Buddhismus, ein Therapeut und ehemaliger Vertrauter Bhagwans, eine Tantrikerin, zwei führende Sexualwissenschaftler, und zwei Philosophen und viele mehr. Der eine der beiden Philosophen war ein Gründungsmitglied der deutschen Grünen, Rudolf Bahro, der 1979 aus der DDR emigrieren musste, nachdem ihm wegen seines Buches „Die Alternative“ in der DDR der Prozess gemacht wurde. Ich las damals sein – für mich damals schwer verständliches – Buch „Die Logik der Rettung“ – eine politische Theorie grüner Politik. Schwer verständlich, weil ich damals einfach noch sehr jung war und von den komplexen Bezügen des recht abstrakten Textes keine Ahnung hatte!
Der andere Philosoph war vielleicht aber der Hauptgrund meiner Reise: Peter Sloterdijk. Ich hatte in jenem Sommer 1987 sein zweibändiges Werk „Kritik der zynischen Vernunft“ durchgearbeitet, gleichsam mein erstes Studium eines umfangreichen und wirkmächtigen philosophischen Werks. Ich war so fasziniert, dass ich den Autoren dieses Werks kennen lernen wollte, zumindest mal sehen. Natürlich war das Thema „Eros, Liebe, Sexus“ auch anziehend, dann diese damals noch nicht vollständig zugebaute Lava-Insel… und, nicht zuletzt, – zahlte mir meine alte Freundin die Reise!
Wir kamen nachmittags in der Hotelanlage an und bezogen unseren Bungalow am Pool mit Sicht aufs Meer. Irgendwann am frühen Abend fand die Registrierung der Kongressgäste in der Lobby des Hotels statt. Dort konnte man sich auch für Lectures, Workshops und Vorträge eintragen. Ich erinnere mich gut an die seltsam aufgeregte Stimmung, die uns von den herumstehenden und tuschelnden Leuten entgegenschlug – das war nicht die gewöhnliche CheckIn-Nervosität, das war etwas anderes!
Recht schnell erfuhren auch wir, was vorgefallen war:
Mutmasslich etwa um die Zeit, als wir im Hotel eintrafen, verunglückte nur wenige Meter vom Hotel entfernt die Partnerin und Mitorganisatorin des Initianden und Hauptverantwortlichen des Anlasses tödlich. Die beiden hatten, nachdem alles vorbereitet war, mit einem offenen Jeep eine kleine Tour über die Insel gemacht. Auf dem Rückweg, kurz vor der Hotelanlage, gab es eine 90-Grad-Kurve. Er sass am Steuer, fuhr etwas zu schnell in die Kurve, touchierte einen Stein am Strassenrand, das Fahrzeug machte einen Satz und die nicht angeschnallte Beifahrerin wurde durch diesen Schlag aus dem Sitz geschleudert. Sie brach sich dabei das Genick und war sofort tot. Er war vollständig unverletzt. Auch der Wagen hatte keine Schäden.
Diese Nachricht machte nun die Runde unter den Referenten und Gästen. Sie traf gerade erst ein und versetzte natürlich das ganze Hotel in eine beklemmende Mischung von Aufregung und Niedergeschlagenheit.
Da wir weder den Organisatoren noch seine Freundin, ja eigentlich überhaupt niemanden persönlich kannten, waren wir natürlich nicht so betroffen, aber wir spürten, dass nun diese vor uns liegenden drei Tage mit Referaten und Workshops über Liebe und Sex und Eros seltsam vorkamen.
Am anderen Morgen versammelte man alle Gäste im grossen Saal und gab uns bekannt, dass jeder Referent auf seine Weise auf den Vorfall reagieren werde. Der erste Tag stand damit nicht unter dem Thema des Kongresses, sondern unter dem Thema Tod.
Schwach erinnere ich mich an ein Ritual eines tibetischen Geistlichen, das mir seltsam vorkam, an einen Vortrag eines sehr bekannten Zen-Meisters über das Verhältnis von Zen und Tod, aber sehr eindrücklich erinnere ich mich den Workshop von Peter Sloterdijk, zu dem ich mich auch eingeschrieben hatte.
Er stellte uns, der durchaus mit spirituellen, östlichen Konzepten vertraut war, dar, wie die westliche Philosophie und ganz besonders die aufklärerische, bzw. nachaufklärerische Philosophie zum Tod steht. So nüchtern einerseits seine Ausführungen waren, so tröstlich, weil authentisch waren seine Worte andrerseits, denn gerade in der expliziten Untröstlichkeit lag Trost.
Sloterdijk begann seine Rede mit der Lektüre einer recht langen Passage aus seinem zwei Jahre zuvor erschienen Roman „Der Zauberbaum“ (bis heute übrigens sein einziger Roman). In dieser Geschichte lässt er einen jungen Wiener Arzt kurz vor der französischen Revolution nach Paris reisen, weil er sich dort über neueste Heilmethoden informieren wollte. Wie das früher bei solchen Reisen war, entstand eine kleine Reisegruppe, die sich die Kutschen teilte. Dabei war auch ein etwas älterer Priester. Irgendwo brach der Kutsche ein Rad. Der Arzt und der Priester beschlossen zu Fuss vorauszugehen, während die Damen in einem Gasthaus warteten, bis die Kutsche repariert war. Die beiden Männer wurden von einem Gewitter überrascht und mussten sich in einer Scheune unterstellen. Dort erzählte der Priester dem Arzt, weshalb er den Glauben an Gott verloren habe. Der Auslöser war das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, mit – heute – geschätzten rund 100’000 Opfern – die wahrscheinlich grösste Naturkatastrophe der neueren Geschichte in Europa. Die Rede des Priesters, dem mit den Berichten über die Katastrophe auch Gott starb, ist eine eindrückliche Schilderung der gedanklichen Bewegungen von der Aufklärung zum Nihilismus in nuce. Es lohnt sich, das zu lesen. (Peter Sloterdijk. Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahre 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie. Ffm. 1987. S. 72ff.)
Langer Rede kurzer Sinn: die Philosophie hat sich davon verabschiedet, mit dem Verweis auf ein Jenseits, auf ein Weiterleben nach dem Tod Trost zu spenden und wenn man so ehrlich zu sich selbst ist wie dieser Priester, weiss man, dass der religiöse Trost von der Art eines Märchens ist, von dem die Kinder längst wissen, dass es ein Märchen ist, aber es trotzdem immer wieder hören möchten.
Dennoch ist die Philosophie auch ganz besonders geeignet, sich zum Tod ein-zu-stellen. Ihre Geschichte hebt ja gewissermassen mit einem der berühmtesten Tode, dem Sterben des Sokrates an, dem sein Schüler Platon im Dialog ‚Phaidon‘ ein Denkmal setzte. Gadamer bezeichnet den ‚Phaidon‘ als eine „in vieler Hinsicht grossartigsten und bedeutendsten Schriften der griechischen Philosophie“. (Hans-Georg Gadamer. Wege zu Plato. Reclam Stuttgart, 2001, S. 9)
In diesem Dialog lässt sich Phaidon von den beiden pythagoreischen Freunden des Sokrates, die ihn während der Gefangenschaft und schliesslich auch am Todestag besuchten, das letzte Gespräch berichten, das er mit den beiden über das Sterben führte. Der grösste Teil des Dialogs handelt von den verschiedenen Beweisen der Unsterblichkeit der Seele. Wegen seiner literarischen und philosophischen Qualität gilt der Text bis heute als die Quelle für das Konzept der ewigen und unsterblichen Seele, nicht nur in der Philosophie, sondern auch ganz besonders in der christlichen Theologie. Eigenartig bloss, und das arbeitet Gadamer in seinem Platon-Essay über die Unsterblichkeitsbeweise heraus, dass diese Beweise alle irgendwie hinken. Da Platon den ‚Phaidon‘ auf der Höhe seines Schaffens schrieb, scheint das nicht zufällig, im Gegenteil, so Gadamers Interpretation: Platon zeigt uns auf, dass es trotz allem diese Differenz zwischen Wissen und Glauben gibt. Wir können an die unsterbliche Seele zwar glauben, aber wir wissen nicht, ob sie wirklich unsterblich ist. Freilich hat sich die Theologie nie an dieser Differenz ernsthaft abgearbeitet (sonst wäre sie ja keine Theologie, sondern Philosophie).
Ein anderer Schlüsseltext ist Boëthius’ ‚Trost der Philosophie‘. In diesem römischen Text der dritten (späten) Stoa erzählt ebenfalls ein (zu Unrecht) zum Tode Verurteilter, wie ihn die Philosophie zur Gelassenheit gegenüber dem Tod brachte. Seine Wirkung war ebenfalls gewaltig, wurden doch fast alle christlichen Märtyrer-Erzählungen entlang dieses Textes inspiriert. Die Quintessenz von Boethius ‚Trost‘, ist es, dass das unabwendbare Schicksal des Todes jeden trifft, ob es nun in der Form des plötzlichen Todes, des langsamen Krankheitstodes, des ungerechten Mordes oder des selbstgewählten Freitodes ist: wir entrinnen ihm nicht, deswegen sollte man ihn annehmen. Den Tod annehmen kann man aber nur, wenn man auch das Leben angenommen hat. Entscheidend, ob man die Kunst des Sterbens, die Ars morendi beherrscht, ist, ob man das Leben beherrscht. Nur wer mit sich im Reinen ist und auch so immer gelebt hat, kann dem Tod gelassen entgegen sehen. Die Kunst zu Sterben ist wesentlich die Kunst des Lebens.
Letztlich greift der Existentialismus des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts diese Haltung auf. „Du bist, was du bist.“ Der Sinn deines Lebens schöpft sich aus Dir selbst und ob es dir gelungen ist, deinem Leben einen Sinn zu geben, erfährst du spätestens im Angesicht des Todes. Ein für mich persönlich sehr wichtiger Text zum Problem des Todes ist Jean Amérys Essay ‚Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod‘. Améry ist im höchsten Grade legitimiert über den Tod zu schreiben. Er wurde in den KZ’s der Nazis aufs Schwerste gefoltert, hat überlebt, aber sich schliesslich, weil er nicht mehr schreiben konnte, umgebracht.
Aktuell beschäftigen sich namhafte (akademische) Philosophen in karätigen Gremien, zusammen mit Ärzten und Juristen mit dem Problem der Sterbehilfe. Weil wir medizinisch in der Lage sind, den Tod immer länger hinauszuzögern, wird die Sterbehilfe-Frage auch immer wichtiger.
Übrigens: der Google-CEO und Hauptaktionär von Google Jeff Bezos glaubt an eine bald realisierbare technologiegestützte Weiterexistenz über die statistische Höchstgrenze leiblichen Lebens von 120 Jahren hinaus.

Wie liest man philosophische Texte?

Letzte Woche versuchte ich Ihnen – zum zweiten Mal – etwas über die Technik der Lektüre philosophischer Texte zu vermitteln und es scheint mir, als wäre ich damit ein zweites Mal nicht zu Ihnen durchgedrungen. Deswegen versuche ich jetzt darüber etwas nachzudenken und meine Gedanken für Sie festzuhalten.
Da ist zunächst die ganz einfache Methode: SQ3R!
S – Surview: sich einen Überblick über den Text verschaffen, z.B. die Abschnitte nummerieren; Untertitel lesen u.ä.
Q – Questions: Habe ich eine Frage an den Text? Habe ich überhaupt eine Frage? Warum lese ich das? Was erwarte ich herauszufinden? usw.
R – Read. Genau lesen. Das heisst, Satz für Satz. Wichtiges Markieren. Unbekannte Begriffe nachschlagen.
R – Recite. Immer wieder inne halten, sich selbst befragen: habe ich verstanden? Wie habe ich das Gelesene verstanden? Was habe ich bisher gelesen? Vielleicht Notizen machen.
R – Review. Den gelesenen Text rekapitulieren, zusammenfassen, in eigenen Worten reformulieren.

Soviel zur Technik. Ich arbeite immer mit einem dünnen Bleistift und einem kurzen Lineal; seit einige Jahren verwende ich auch kupferne Bookdarts. Das sind ganz dünne Klammern, um eine Stelle im Buch so zu markieren, dass man sie wieder findet. Früher nahm ich PostIt-Zettelchen, aber der Leim greift über die Jahre die Seiten an.

Ich finde es immer noch sehr anstrengend, philosophische Texte zu lesen. Das ist Arbeit; es hat etwas von Fitness-Training. Versucht man ohne Training irgendwelche Hanteln zu stemmen oder man klemmt sich in so eine Maschine ein,… – das ist ja nur furchtbar. Philosophisches zu lesen wird erst mit regelmässigen, gewissermassen täglichem Training erträglich, irgendwann sogar unerlässlich (man fühlt sich nicht gut, wenn man nicht liest) und klar: wenn Sie wirklich regelmässig trainieren, dann irgendwann wird das Lesen zu etwas Erfüllendem, etwas Erleuchtenden, etwas, das Ihr Leben wertvoller, tiefer, sinnvoller macht.

Ich habe mich während des Studiums und immer wieder, phasenweise, mit den Arbeiten von Michel Foucault auseinandergesetzt. Ein Lieblingszitat aus einem Interview lautet sinngemäss: „Arbeiten heisst, etwas anderes zu denken, als was man vorher gedacht hat.“ Und jetzt setzt gleich diese Neugierde ein: wo stand das? Wie lautet das Zitat genau? Also suche ich. (…) Auf die Schnelle finde ich es nur in einem meiner eigenen Texte, die vor sehr vielen Jahren schrieb, aber immerhin!
Sie waren letzte Woche absorbiert von einem bevorstehenden Geometrie-Test. Folglich war Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, so zu tun, als würden Sie mir folgen, während Sie gleichzeitig versuchten, sich noch die letzten Formeln einzuprägen.
Ich versuchte Ihnen dagegen den Begriff des Verstehens begreiflich zu machen, indem ich im Raum woanders hingestanden bin. Ich habe mich hinter Sie gestellt und dann festgestellt, dass ich augenblicklich verstanden habe, dass ich mit meiner Rede von der Hermeneutik, von der Phänomenologie, oder gar von der sokratischen Maieutik nichts bewirke, weil Ihre Aufmerksamkeit der Geometrie gewidmet war. Deswegen liess ich Sie.
Aber natürlich fordere ich von Ihnen dieses Verständnis, diese Aufmerksamkeit zurück, indem ich Sie auffordere, sich in Ihrem Tun, in Ihrer Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu hinterfragen. Ronja – wenn ich mich recht erinnere – hat gesagt, dass also nur, wer Zeit habe, auch in der Philosophie voran komme. Ja. Das ist so. Sie müssen für Ihre Projektplanung ein Zeit- und Aufmerksamkeitsbudget aufstellen. Dabei ist die reine Dauer relativ. Entscheidend ist die Intensität, die Sie fürs Denken zustande bringen. Was wollen Sie herausfinden? Was beschäftigt Sie wirklich? Folgen Sie dieser Spur! Nur wenn Sie Fragen haben, philosophische Fragen, können Sie philosophische Texte lesen. Sonst lesen Sie nur Buchstaben und Wörter und Sätze ohne Sinn und Bedeutung. Zeitverschwendung.
Ich verrate Ihnen, was meine Fragen sind.
Ich habe noch immer nicht verstanden, wie Lernen funktioniert. Darüber forsche ich. Daran schreibe ich im Moment auch. Bis Ende Jahr möchte ich ein neuartiges „Buch“ schreiben, einen Hypertext, keinen rein linearen Text auf Buchseiten, sondern ein System aus Texten, die durch Hyperlinks aufeinander verweisen. Der Arbeitstitel dieses „Buches“ heisst: „DIDKAKTIK – Lernen und Lehren in philosophischer Hinsicht“.
Das Verhältnis zu den Dingen interessiert mich. Eines meiner grossen Projekte ist eine „Geschichte meiner Dinge“ zu schreiben, wie sie mich beherrschen, wie ich sie sehe, was sie bedeuten und wie das mit der Be-deutung der Dinge geht.
Es gibt noch einige weitere Projekte, aber davon ein ander Mal…